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Kegel und Kugel.

Auf dem Kalvarienberg oder Schlossberg oberhalb Kastelruth sind jetzt dann und wann im Sommer am helllichten Tage gewappnete Ritter zu sehen. Wer die betrachten will, muss aber vorher an einem Schalter eine Eintrittskarte lösen, sonst lassen sie ihn nicht zuschauen bei der Vorstellung. Auf dem ebenen, schönen Platz wird jetzt nämlich Theater gespielt: "Die Genoveva", "Die Ritter von Karneid" und "Oswald von Wolkenstein". Eine schönere Bühne gibt es auch weit und breit nicht. Der herrliche Dolomitenstock, der wuchtige Schlern, bildet den Hintergrund.

In alten Zeiten lebten freilich ganz andere Ritter hier heroben. Da stand auf dem Kofel noch ein prächtiges Schloss. Die Ritter zogen in Kampf und Streit, die Ritterfrauen winkten vom Söller aus den Scheidenden nach, die Ritterfräulein weinten die Tüchlein nass - doch von dieser Zeit und von diesen Rittern will ich ja gar nicht erzählen, sondern von jenen Jahren, die darauf folgten, von der Zeit, in der die Mauern schon nieder lagen und kein Ritter von Fleisch und Blut mehr zu sehen war den ganzen Tag hindurch.

Nur in den Quatembernächten und zu andern heiligen Zeiten fanden sich hier auf dem Schlossberg Ritter ein zu einer gemütlichen Unterhaltung. Das waren aber keine wirklichen Ritter, sondern nur Rittergeister, Gespenster in ritterlicher Tracht, mit Helm und Harnisch, Kettenhemd und Eisenschienen. Bis hinunter ins Dorf drang ihr Lärm, hörte man die rollenden Kugeln, die fallenden Kegel und das Klippen und Klappen der großmächtigen Weinhumpen.

Das nahm den Mulser Matz gewaltig wunder, das musste er sich einmal ansehen. Als der flinkste aller Scholderer weit und breit, als der emsigste, unermüdlichste und gesuchteste aller Kegelbuben in der Runde hatte er fast ein Anrecht, eine gewisse Verpflichtung dazu. Keiner verstand es so wie er, die Kegel zu setzen, so schnell und so gut, dass sie standen, wenn sie stehen sollten, und dass sie lagen, wenn man sie am Boden wünschte. Als Sachverständiger in allen Kegelangelegenheiten sollte er sich doch einmal das Treiben der nächtlichen Spieler, von denen man im Dorfe so viel zu erzählen hatte, betrachten.

Wie der Bub daher eines Nachts erwacht und vom Schlossberg herunter die tolle Metten hört, schlüpft er flugs in seine Hosen und schleicht hinauf. Es gruselte ihm wohl, als er aus dem warmen Bett in die kalte Nachtluft hinaustrat, doch seine Neugierde war noch größer als seine Furcht. Wie nur etwa der Geisterkegelbub ausschauen mag? So blieb er gar nicht einmal auf den bequemen Steigen, sondern kroch und keuchte kerzengerade zum steilen Kofel empor.

Da sah er gepanzerte Ritter mit ellenlangen Bärten und grünfunkelnden Augen. Sie ließen zwei silberne Kugeln, abwechselnd bald die eine, bald die andere gegen die "Neunt" goldener Kegel rollen. Und Kegelbub war gar keiner da; wie die dicken Badegäste im Ratzeser Badl mussten sie sich selber, einander ablösend, die Kegel aussetzen. Nach ärztlicher Verordnung wie drinnen in der Wasserheilanstalt geschah das sicherlich nicht, denn diese Ritter hatten nichts an sich, was sie sich herunterarbeiten konnten, es waren klapperdürre Gesellen.

Wie der Matz eine Weile von der Mauer her zuschaut, ersieht ihn auch schon der Ritter draußen bei den Kegeln, springt mit gewaltigen Sätzen, so dass sein Eisenkleid laut erklingt und die Knochen klappern, auf den Buben los und führt ihn - ganz kalt war die Hand - zu den Kegeln.

Gesprochen wurde kein Sterbenswörtlein, es war aber auch keines notwendig; denn der Matz begriff sofort, was man hier von ihm erwarte. So ließ, er sich auch nicht lange bitten, warf so tadellos und emsig, wie er es schon einmal gewohnt war, die Kugel zurück und stellte die Kegel auf, wenn das Spiel gefallen war oder einer das Kranzl geworfen hatte.

Es war eine harte Arbeit, denn die Kegel waren überaus schwer und gewuchtig die Kugeln. Der Matz schwitzte über und über. Und wie die Rittersleut trafen! Ein Naturkranzl war keine Seltenheit und das Abräumen verstanden sie ganz ausgezeichnet, obwohl sie ohne Kugelladen kegelten und der Boden nicht übermäßig eben war. Was tut man aber nicht alles um eines guten Lohnes willen! Den verhoffte sich der Matz, und so war er nicht müßig in seinem Amt und plagte sich redlich. Richtete den Eckkegel sorgsam und genau, je nachdem ein Linkser oder ein Rechthändiger am Schub war. So wie er innerlich über das ausgezeichnete Spiel der Ritter staunen musste, so, hätte er gerne gehabt, sollte ihnen sein vorzüglicher Kegelbubendienst auffallen.

Gesprochen wurde nichts. Nur bei recht guten Schüben lachten die eisernen Männer, dass es dem Buben durch Mark und Bein ging. Er hatte aber nicht recht Zeit, sich zu fürchten, denn als Fachmann hatte er ja seine helle Freude an dem flotten Spiel, und dann hatte er Hände und Beine voll Arbeit.

Da auf einmal warf ein alter, eisgrauer Ritter mit kräftiger Hand die Silberkugel hinaus, dass sie vom Eckkegel in die "Schar" ging, die Kegelneunt auseinander stob und ein Heller, schriller Klang zu hören war. In demselben Augenblicke versanken auch Ritter und Humpen, Kegel und Kugeln in den Erdboden. Nur der helle, schrille Klang dauerte noch an und erscholl immer wieder von neuem.

"Betläuten! Matz, aufstehen!"

Der Bub lag in Schweiß gebadet unter seinem Bettzeug und wusste nicht recht, träume er oder liege er wach.

"Das Kegelgeld!" schrie er, doch die Glocke tönte weiter. Der Matz stand auf - die Hosen hatte er wirklich schon an - und so wusste er schon gar nicht mehr, woran er war.

In den folgenden Quatembernächten und heiligen Zeiten blieb er aber fein in seinem Bettlein liegen, wenn er vom Schlossberg herunter die Kugeln rollen hörte und die Kegel fallen.

"Da setz ich den Bauern schon zehnmal lieber auf als diesen windigen Rittern! Keinen lucketen Kreuzer Kegelgeld, ja nicht einmal ein Schlücklein Leps zum Anfeuchten der Gurgel! Aber mit silbernen Kugeln müssen sie spielen und goldene Kegel brauchen sie, die nobeln Herren Ritter. Aus bauchigen Humpen saufen sie und machen einen Heidenlärm, vertragen aber nicht einmal den Hall der Kastelruther Frühmessglocke. So einen Heidenlärm..."

Wütend zog er sich die Bettdecke über die Ohren. So konnte man seine weiteren Auseinandersetzungen mit der Kastelruther Ritterkegelgesellschaft nicht mehr verstehen.


Als dann später die Kreuzwegrasten gebaut wurden, verstummte der nächtliche Lärm vollständig, und heute sind keine andern Ritter - bei Tag und bei Nacht - auf dem Schlossberg zu finden als "die von Karneid" und der Siegfried und der böse Golo, wenn sie die "Genoveva" spielen.

Quelle: Laurins Rosengarten, Sagen aus den Dolomiten, Franz S. Weber, Bozen 1914, S. 64-69.
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Bernd Wagener, März 2005.