DAS TOTENGERIPPE AUF DEM KIRCHBODEN

Als in Lüsen der Schwarze Tod hereingebrochen war und die Leute wie die Fliegen dahinstarben, lief ein altes Männlein, das die Pest auch schon beim Kragen hatte, über den Berg und kam nach Onach, denn er vermeinte, dem Tode noch zu entrinnen. Als aber die Onacher erkannten, daß er die Pest schon am Leibe trage, wollten sie ihn im Dorf nicht dulden, sondern machten Jagd auf das Männlein, um es hinauszutreiben. Das Männlein aber verkroch sich auf das Gewölbe der St.-Jakobs-Kirche daselbst und kam nimmer zum Vorschein. Denn in diesem seinem Versteck starb es an der Pest. Zweihundert Jahre darnach entdeckte man zufällig in einer Höhlung des Kirchengewölbes das Totengerippe dieses Männleins und begrub es feierlich.

Quelle: Heyl, Johann Adolf, Volkssagen, Bräuche und Meinungen aus Tirol, Brixen 1897, S. 596 f.