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ARME SEELEN ALS IRRLICHTER

Auch in Enneberg hält man die Irrlichter für Seelen verstorbener Menschen, die auf dieser Welt herumirren müssen, bis sie irgendeine schwere, im Leben begangene Sünde verbüßt haben. Gewöhnlich sind es kleine blaue Lichter, die sich oft plötzlich in eine aufsprühende Flamme verwandeln und dann allmählich zu verlöschen scheinen. Die älteren Leute wissen viel von solchen gespenstigen Lichtern zu erzählen, die sie selber gesehen haben. Die bekanntesten sind folgende zwei:

1. La loem da Rara, vom Ort Rara am Weg von der Pfarre auf die Furkel so geheißen. Es zieht von diesem Orte aus und geht bis zum Friedhof des Dorfes hinab und gewöhnlich den gleichen Weg wieder zurück. Dann und wann, jedoch nur seltener, macht es einen kleinen Umweg.

Das Licht ist die Seele eines verstorbenen Bauern aus der genannten Ortschaft, der, obschon wohlhabend, doch so sehr vom Geiz geplagt wurde, daß er für sich und sein Weib nur ein Paar Schuhe hatte. So konnten auch die Eheleute mit dem einen Paar Schuhe nicht alle Sonntage zum Gottesdienst kommen, daher wechselten sie ab, heute ging er, am nächsten Sonntag sie. Deshalb muß die Seele des Geizhalses zur Strafe beständig auf dem Kirchweg hin- und zurückwandern.

Es hatte aber derselbe Bauer auch nur ein Bett für seine zwei Ehehalten, für den Knecht und die Magd; er ließ nun allerdings das Lager durch ein Brett in zwei Hälften abteilen, aber am Brett sparte er wieder so sehr, daß es zu schmal ausfiel und, in der Bettstatt festgenagelt, nicht hoch genug abteilte. Diese Sorglosigkeit trug ihm eine bedeutende Verlängerung der Irrfahrt nach dem Tode ein.

2. La loem da Corn, das seinen Namen vom Berge Corn, zu deutsch Horn, hat. Dieses Irrlicht ist die Seele eines verruchten Tierquälers, der eine lebendige Katze geschunden und sodann ihren Leib mit Salz und Pfeffer eingerieben hat. Die Katze schrie und heulte durch das Dorf, daß es die Leute ordentlich gruselte, und bevor sie die letzten Häuser erreicht hatte, fiel der Schinder, vom Schlage getroffen, zusammen und war eine Leiche. Die Katze heulte Tag und Nacht in der Gegend herum, als aber der verstorbene Peiniger zu Grabe getragen wurde, lief auch die Katze ins Dorf und begleitete mit entsetzlichen Schmerzenstönen die Leiche zum Grabe. Und als sein Grab zugeworfen war, stellte sich die Katze auf den Erdhaufen über seinem Sarge und setzte ihr Geheul fort und war nicht wegzubringen, bis man sie nach ein paar Tagen auf derselben Stelle tot liegen sah. Infolge dieses Frevels und weil der Tierquäler auch sonst ein schlechter Mensch war, der seine Nachbarn betrog und Marksteine aushob und in fremdem Grund und Boden wieder einsetzte, muß er als Irrlicht umgehen.

Quelle: Heyl, Johann Adolf, Volkssagen, Bräuche und Meinungen aus Tirol, Brixen 1897, S. 588