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L GROF DA SÀCUN

Der "Grof da Sàcun" - gemeint ist der adelige Herr Gebhard von Stetteneck - ging einmal mit seinem Sohn Jakob auf die Suche nach einem angeblich in St. Jakob de Compostèla in Spanien lebenden Verwandten, ebenfalls einem Grafen, den sie auch dort wirklich antrafen. Dieser Graf hatte eine schöne Tochter, die sich sofort in den jungen Grödner Grafen verliebte, ohne aber von diesem weiter beachtet zu werden. Dies aber ärgerte das schöne Mädchen sehr. Aus Rache packte sie ihm vor der Abreise heimlich den goldenen Becher ihres Vaters in sein Reisegepäck.

Als der Graf, ihr Vater, am nächsten Tag seinen kostbaren Becher vermißte, schickte er auf Anraten der Tochter den heimziehenden Grödner Grafen gleich seine Diener nach, die das Gepäck des jungen Grafen durchsuchen sollten. Wirklich fanden sie darin den vermißten Becher und zwangen daraufhin den jungen, mit ihnen umzukehren.

"Vater", sagte der junge Stettenecker, der im Bewußtsein seiner Unschuld ohne Zögern mit den Dienern ging, "Vater, du weißt, daß ich den Becher nicht gestohlen habe, so wahr mir Gott helfe; ziehe ruhig heimwärts, ich komme bald nach."

Aber als der Sohn nicht mehr zurückkam, wurde dem Vater bange, und er ging ebenfalls nach Compostèla zurück. Wie erschrak er aber, als er vor den Mauern der Stadt sein Kind am Galgen hängen sah! Der Graf von Galizia hatte ihn nämlich für den angeblichen Becherdiebstahl, wie es damals das strenge Gesetz verlangte, zum Tode verurteilt und sodann hinrichten lassen.

Doch als der Graf da Sàcun näher zum Galgen trat, da sah er, daß sein gehängter Sohn gar nicht tot war, sondern lebte! Sofort eilte er zu dem Richter, um die Genehmigung zur Herabnahme des Sohnes vom Galgen zu erhalten. Der Richter aber, der eben mit seiner Frau zu Tische saß und ein gebratenes Huhn verspeisen wollte, sagte nur spöttisch: "Dein Sohn ist ein Dieb und gehört an den Galgen und ist überdies bereits längst ebenso tot wie dieses Huhn hier in meiner Pfanne!"

Aber siehe! Da erhob sich das gebratene Huhn in der Pfanne und flog plötzlich davon! Dieses Wunder bewog den Richter, mit dem verzweifelten Grödner Grafen zum Galgen zu eilen, und als er nun den jungen Grafen tatsächlich lebendig vorfand, war er von dessen Unschuld auch überzeugt, gestattete die Herabnahme des Gehenkten und gab dem überglücklichen Grafen von Sàcun den Sohn zurück.

Aus Dankbarkeit für diese wunderbare Rettung ließ der Graf, nach Gröden zurückgekehrt, sofort dem hl. Jakob, diesem großen Beschützer der Pilger und Wanderer, ein Kirchlein bauen, das bald ein vielbesuchter Wallfahrtsort wurde. Durch die vielen Pilger wurde das Kirchlein sodann so reich, daß man früher in Gröden sagte: "Wenn du eine Reiche (eine reiche Braut) haben willst, so mußt du die St.-Jakobs-Kirche nehmen!" Das Wunder von der Rettung des jungen Grafen aber ließ der Grof da Sàcun in der Kirche selbst, und zwar neben der Kanzel, an der Wand verewigen.

Quelle: Moroder, Wilhelm, Markt St. Ulrich im Grödentale. Innsbruck 1908. S. 35 f.