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Sarnthein

Ober dem Dorfe Sarnthein sind auf dem Berg drei kleine Seen und in der Nähe derselben etliche uralte Knappenlöcher. Aus diesen Löchern gruben vor alters die Bergknappen einen großen Reichtum Goldes. Sie gerieten darob in solchen Übermut, daß sie sich ein goldenes Kegelspiel verfertigten und, statt zu arbeiten, mit demselben sich am hellen Tage erlustigten. Der Eigentümer des Bergwerkes überraschte eines Tages die Tagediebe beim Spiel und mahnte sie ernstlich zur Arbeit. Allein die Übermütigen wollten vom Spiele nicht lassen, taten zwar, als gingen sie zum Schürf in die Löcher, kegelten aber darin beim Schein einer Laterne. So trieben sie es etliche Monate lang und rührten weder Hammer noch Bohreisen. Da kam auf einmal wieder der Eigentümer auf den Berg, um nachzusehen, ob denn wirklich die Erzstufen nichts mehr trügen. Von weitem hörte er die goldenen Kugeln rollen, schlich in das Loch, von welchem man den Klang vernahm, und sah, daß die Knappen neun Kegel und zwei Kugeln hatten, alles von purem Golde. Ergrimmt darüber, nahm er das ganze Kegelspiel und warf es in einen der drei Seen. Die Taugenichtse aber jagte er samt und sonders davon. Seit der Zeit haust im kleinsten der drei Seen ein Drache als Schatzhüter, der allnächtlich den See verläßt und in die Knappenlöcher kriecht, um dort seine Augen am geblendeten Golde zu weiden. Wer aber so glücklich wäre, einen goldenen Kegel oder eine der beiden Kugeln zu finden, der würde Herr des Bergwerkes, das Gold würde vom Zauber der Blendung befreit und gelangte in seinen Besitz.

= Heyl/Tirol 1897 Nr. 83 S. 268 f. (Gewährsperson: Ferd. v. Schmuck, Sarnthein) - Heilfurth Nr. 629 S. 606 f.
Aus: Gerhard Heilfurth, Südtiroler Sagen aus der Welt des Bergbaus, An der Etsch und im Gebirge, 25. Bändchen, Brixen 1968, Nr. 19, S. 25