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6. Die Neraïden an der Mühle. (Steiri.)

Einst wollte eine alte Frau von Steiri nach der Klostermühle gehen, welche mehr als eine Stunde vom Dorfe entfernt ist. Sie stand schon um Mitternacht auf oder vielmehr noch früher; sie glaubte nämlich, der Morgen sei angebrochen, weil der Mond so hell schien, als wäre es Tag. Sie belud ihren Esel auf beiden Seiten und legte auch noch eine Last oben darauf, einen kleinen Sack mit fünf bis sechs Okka Weizen zu grobem Mehle, da sie die Absicht hatte Trachanás zu bereiten. Nachdem sie nun sorgfältig aufgeladen hatte, trat sie den Weg zur Mühle an. Dort angekommen fand sie den Müller schlafend. Sie rief und rief, aber der Müller hörte nicht. Endlich, nach geraumer Zeit, wachte er auf und öffnete ihr, und sie trat in die Mühle ein. Der Müller wunderte sich, dass eine so alte Frau die ganze Nacht auf den Beinen sei. Als nun die Alte ihr Getreide gemahlen hatte und sich anschickte nach dem Dorfe zurückzukehren, sagte er zu ihr: 'Höre, Alte, bleib doch hier und warte, bis es Tag wird. Warum willst du die ganze Nacht hindurch wandern?' Allein die Alte hörte nicht auf ihn, sondern stand auf und ging weg. Nachdem sie sich eine kleine Strecke von der Mühle entfernt hatte, überschritt sie einen Bach und stieg nun in die Höhe, denn wenn man von der Mühle kommt, geht's bergan. Da hörte sie hinter sich einen Schwarm Frauen, welche über den Bach setzten und sich ihr näherten. Die Alte merkte gleich, dass das keine guten Frauen seien, sondern vielmehr Teufelinnen. Da nahm sie geschwind den oberen Sack von ihrem Esel herunter, verbarg ihn in einem Gebüsch und setzte sich selbst auf. Nun kamen die Neraïden - denn sie waren es - an den Esel heran, umringten ihn und suchten die Alte. Aber sie fanden sie nicht und sprachen: 'Da ist die eine Seite, da ist die andere, da ist auch der Obersack, aber wo ist denn die Alte?' Sie hielten nämlich das Weib, welches sich auf dem Esel zusammengekauert hatte, für den oberen Mehlsack. Da sprach eine von ihnen: 'Sie wird in die Mühle zurückgegangen sein.' Und mit einem Male schwangen sie sich alle in die Luft und waren in demselben Augenblicke schon an der Mühle. Der Müller hörte über sich einen furchtbaren Lärm, Steine, Holzscheite, Glasscherben und andre Dinge fielen auf das Dach der Mühle. Hierauf begaben sich die Neraïden auch hinein in die Mühle, wo der Müller sich befand, kehrten alles darin um, setzten auch die Mühlsteine in Bewegung, riefen dem Müller zu und verlangten die Alte von ihm. Dieser jedoch gab ihnen keine Antwort und kauerte sich vor Furcht in seinem Bett zusammen wie ein Knäuel, denn, wenn jemand in einem solchen Falle redet, nehmen ihm ja die Teufel die Sprache. Die Neraïden waren sehr zornig auf ihn, aber sie wagten doch nicht ihm nahe zu kommen, weil er ein Mönch aus dem Kloster des heiligen Herrn Lukas war und Bibelsprüche vor sich hinmurmelte. Da sie nun nichts ausrichteten und die Alte nicht fanden, so brachen sie mit einem Male wieder auf, nahmen den Weg, auf welchem die Alte dahinritt, und holten sie ein, obwohl diese, während die Teufelinnen in der Mühle nach ihr suchten, ihren Esel angespornt und auf ihn drauf geschlagen hatte, dass der Wolf ihn nicht schlimmer hätte zurichten können. Und ein Theil von ihnen stellte sich vor dem Esel auf, andere hinter ihm und wieder andere auf beiden Seiten, und sie wimmelten wie Ameisen und liessen das Thier nicht weiter und sagten wieder: 'Da ist die eine Seite, da ist die andre, da ist auch der Obersack, aber wo ist denn die Alte? Gehen wir noch einmal zurück! Der Müller hat sie versteckt.' Im Nu flogen sie wieder zur Mühle zurück. Abermals krachten die Ziegeln auf dem Dache, als wenn starker Hagel fiele, von den Steinen und den anderen Dingen, welche sie darauf warfen. Sie stöberten abermals ausserhalb und innerhalb der Mühle nach, umringten auch wieder den Müller, ob er nicht etwa die Alte in seiner Nähe verborgen hätte. Aber da sie nirgends etwas fanden, brachen sie wieder auf und eilten dem Esel nach, auf welchem die Alte sass. Diese war jetzt bereits bis hinauf an die Weinfelder von Steiri gekommen. Nun umzingelten die Neraïden wiederum zornig den Esel und sagten abermals: 'Da ist die eine Seite, da ist die andre, da ist auch der Obersack, aber wo ist denn nur die Alte? Ach, fänden wir sie nur, das alte Dreckweib, wie wollten wir sie zurichten! Wenn sie wüsste, was ihrer wartet! Ach, wo mag sie nur sein! - Aber wir wollen sie schon finden, bis ins Dorf hinein gehen wir.' Als das die unglückliche Alte hörte, liess sie vor Angst einige streichen und hielt den Athem so fest an sich, dass sie beinahe platzte.

Während nun die Neraïden also sprachen und um den Esel herumschwärmten, kamen sie dem Dorfe immer näher. Da krähte ein Hahn, und eine von ihnen sprach: 'Ein Hahn kräht.' Eine andere aber entgegnete: 'Lass ihn nur krähen, 's ist der grüne.' Kurze Zeit darauf krähte ein zweiter Hahn. Da sprach eine von ihnen: 'Hört, auch ein zweiter Hahn kräht, lasst uns fliehen!' - 'Ach was,' erwiderte eine andere, 'lass ihn krähen, 's ist der scheckige.' Als sie vor dem Dorfe angekommen waren, dort, wo die Höhlen sind, da krähte ein dritter Hahn. Da riefen sie: 'Gehen wir, gehen wir! Denn der schwarze Hahn hat gekrähet, und der Tag überrascht uns. - Ach, du altes Dreckweib!' Damit flogen sie davon. Und so gelangte denn die Alte, am ganzen Leibe zitternd, nach Hause, wo sie gleich mit Weihrauch räuchern liess; und später, nachdem sie etwas ausgeruhet hatte und wieder zu sich gekommen war, erzählte sie ihr Erlebniss und wurde ruhig. So hatte sich die Alte durch ihre Klugheit gerettet. Und nachdem Gott den Tag hatte anbrechen lassen und es ganz hell geworden war, ging sie zusammen mit ihrem Alten an den Ort, wo sie den Sack mit dem Mehle gelassen hatte, und sie nahmen ihn und trugen ihn nach Hause.

Quelle: Bernhard Schmidt, Griechische Märchen, Sagen und Volkslieder. Leipzig 1877. S. 135 - 138.
(Nachdruck: Hildesheim, New York, 1978)