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2. Charos' Strafe. (Lesbos.)

Es gab eine Zeit, da Charos die Weinenden hörte und gerührt wurde durch ihre Thränen. Da ward er einst abgesandt, die Seele einer wunderschönen Jungfrau zu holen. Wie er nun deren hohe Schönheit sah und die Wehklagen ihrer Verwandten vernahm, wurde er weich, schenkte der Jungfrau das Leben und kehrte ohne ihre Seele zu Gott zurück. Da nun Gott sah, dass Charos alle anderen Seelen, die er zu holen abgeschickt worden, gebracht hatte, nur die Seele jenes Mädchens nicht, so ergrimmte er und machte Charos taub, blind und lahm am Fusse: taub machte er ihn, damit er die Weinenden nicht mehr höre; blind, auf dass er nicht mehr sehe und unterscheide, ob die Seele, die er holen soll, die eines Greises oder eines Jünglings oder einer Jungfrau oder eines Kindes sei; lahm endlich, um nicht schnell fliehen zu können von dem Orte, wo er sein Amt ausüben soll.

Quelle: Bernhard Schmidt, Griechische Märchen, Sagen und Volkslieder. Leipzig 1877. S. 132
(Nachdruck: Hildesheim, New York, 1978)