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Der Hundskopf

Es war einmal eine Frau, die hatte drei Töchter, und als sie eines Tages mit der jüngsten auf dem Felde war, kam der Hundskopf zu den beiden älteren und bettelte. Da gab ihm die älteste Tochter eine Hand voll Mehl, und wie er das nehmen wollte, schüttete er es auf den Boden. Darauf brachte sie ihm eine Hand voll Erbsen, und auch diese ließ er auf die Erde fallen, als er sie in seinen Sack stecken wollte, und setzte sich nun hin, und las sie Stück für Stück auf. Da wollte ihm das Mädchen eine andere Hand voll Erbsen geben, damit sie ihn aus dem Hause brächte; er aber sagte: „setze dich nicht in Unkosten, Töchterchen!“ und fuhr fort, die verschütteten Erbsen aufzulesen. Darüber ward es Abend und die Mutter kam mit der jüngsten Tochter von dem Felde; die Tochter trug ein Täubchen in der Hand, das sie auf dem Felde gefangen hatte. Als nun die Mutter den Hundskopf erblickte, fragte sie ihre Töchter: „was will dieser Mensch?“ und die Töchter antworteten: „er kam hierher, um zu betteln; wir gaben ihm eine Hand voll Erbsen, die ließ er auf den Boden fallen, und setzte sich hin, um sie aufzulesen; wir wollten ihm noch eine Hand voll geben, damit er wegginge, er wollte sie aber nicht annehmen.“ Da sprach die Mutter: „laß dir noch eine Hand voll Erbsen geben und mache, daß du weiter kommst.“ Er aber erwiederte: „ich gehe nicht eher, als bis ich die zu Boden gefallenen aufgelesen habe.“ Da ließ sie ihn gewähren, bis es dunkel geworden; und der Hundskopf sprach darauf: „nun ist es Nacht geworden, willst du mir nicht erlauben, hier zu schlafen? und morgen früh gehe ich meiner Wege.“ Die Mutter wies ihm eine Schlafstätte an, und am andern Morgen sagte er zu ihr: „Willst du mir nicht eine deiner Töchter für meinen Sohn geben, damit wir Schwägersleute werden? und deine Tochter soll es bei mir wie eine Prinzessin haben.“ Darauf fragte die Mutter ihre älteste Tochter, „ob sie mit dem Hundskopfe gehn und dessen Sohn heiraten wollte“, und diese antwortete: „ei warum denn nicht?“

Da nahm sie der Hundskopf mit, und sie gingen und gingen, bis das Mädchen durstig wurde und zu trinken verlangte. Der Hundskopf versetzte: „sieh da diese Tier-Fußspur, trinke daraus!“ Nun gingen sie wieder eine Weile, bis das Mädchen hungrig wurde und zu essen verlangte. Darauf sprach aber der Hundskopf: „schweig still, sonst drehe ich mich um und fresse dich.“

Als sie endlich in die Wohnung des Hundskopfs kamen, setzte er dem Mädchen Nasen, Ohren und andere Knochen vor und sprach: „Diese Knochen mußt du essen, denn wenn du das nicht kannst, so bist du nicht für mich, und wenn du sie nicht essen kannst, so werde ich dich fressen.“ Darauf ging er weg, das Mädchen aber warf die Nasen, Ohren und andern Knochen unter die Fässer und hinter den Getreidebehälter und fegte den Boden rein. Als nun der Hundskopf wieder heim kam, fragte er sie: „hast du alle Knochen gegessen?“ und sie antwortete dreist: „ich habe alles aufgegessen.“ Er aber rief: „ihr Nasen, Ohren und andern Knochen, wo seid ihr?“ und diese antworteten sofort: „wir sind unter den Fässern und hinter dem Getreidebehälter.“ Da packte er das Mädchen und fraß es auf, ging dann wiederum zu der Mutter, klopfte an die Haustüre, und als man ihn von innen fragte, „wer er sei“, gab er sich zu erkennen. Da wurde er eingelassen und sprach: „guten Tag, Frau Schwiegermutter, viele Grüße von deiner Tochter, ich habe sie mit meinem Sohn verheiratet, sie lebt wie eine Priestersfrau und hat bereits ein Kind geboren, und wenn du willst, so gieb mir deine zweite Tochter, damit ich sie verheirate.“ Da fragte die Mutter das Mädchen, ob sie mit dem Hundskopf gehn wolle, und diese antwortete: „ei warum nicht? dahin, wo meine Schwester gegangen ist, gehe ich auch.“

Der Hundskopf nahm sie nun mit, und sie gingen und gingen, bis das Mädchen durstig wurde und zu trinken verlangte. Der Hundskopf aber wies ihr eine Fußspur und sprach: „da trinke aus der!“ Darauf gingen sie wieder eine Weile, bis das Mädchen hungrig wurde und zu essen verlangte. Da sprach der Hundskopf: „schweige still; denn sonst drehe ich mich um und fresse dich so gut wie deine Schwester.“

Als sie endlich in der Wohnung des Hundskopfs ankamen, setzte er ihr Nasen, Ohren und andere Knochen vor und sprach: „da iß diese Knochen auf, und wenn du das nicht kannst, so bist du nicht für mich, und ich werde dich fressen, so gut wie deine Schwester.“ Drauf ging er weg, und das Mädchen machte es mit den Knochen grade so, wie ihre Schwester. Als der Hundskopf wieder heim kam, fragte er sie: „hast du die Knochen aufgegessen?“ und das Mädchen sagte: „ja, ich habe sie alle gegessen.“ Der Hundskopf aber rief: „laß einmal sehn! wo seid ihr, Nasen, Ohren und andere Knochen?“ und diese erwiederten: „hinter den Fässern und hinter den Getreidebehältern!“ Darauf packte er das Mädchen und fraß es auf.

Dann ging er wieder zu dem Hause ihrer Mutter, klopfte an, und nachdem man ihm aufgemacht, sagte er: „guten Tag, Frau Schwiegermutter, wie geht es dir?“ und als sich diese nach ihren Töchtern erkundigte, erwiederte er: „die sind frisch und gesund, und wenn du Lust hast, so gieb mir auch die jüngste mit, und ich will sie noch besser verheiraten, als die beiden älteren.“ Da fragte die Mutter ihre jüngste Tochter: „höre, willst du mit dem Schwiegervater gehn?“ und diese antwortete: „ei warum denn nicht, wo meine Schwestern gegangen sind, gehe ich auch.“

Darauf nahm sie ihr Täubchen, das sie auf dem Felde gefangen hatte, und folgte dem Hundskopf. Sie gingen und gingen, bis das Mädchen durstig wurde und Wasser begehrte. Da zeigte der Hundskopf auf eine Fußspur und sagte: „trinke daraus!“ Nun gingen sie wieder eine Weile, bis das Mädchen hungrig wurde und zu essen verlangte. Da sprach der Hundskopf: „schweige still, sonst drehe ich mich um und fresse dich, wie deine beiden Schwestern.“

Als sie endlich in die Wohnung des Hundskopfs kamen, setzte er ihr die Nasen und Ohren und andern Knochen vor und sagte: „da, iß diese Knochen auf, und wenn du das nicht kannst, so bist du nicht für mich und werde ich dich fressen, so gut wie deine Schwestern.“ Drauf ging er weg; das Mädchen aber verlor den Mut nicht, sondern fing an die Knochen zu essen und aß die eine Hälfte davon und gab dem Täubchen, das sie mitgebracht hatte, die andere Hälfte. Als nun der Hundskopf nach Hause kam, fragte er sie: „hast du die Knochen gegessen?“ und sie erwiederte: „ja, ich habe sie alle aufgegessen.“ Da sprach jener: „Laß einmal sehn,“ und rief dann: „wo seid ihr, ihr Knochen?“ und diese antworteten: „wir sind im Magen des Mädchens.“ Da lachte der Hundskopf und sprach: „du bist die rechte, du bist für mich, aber ich muß jetzt in die Stadt gehn, was soll ich dir von dort mitbringen?“ Sie antwortete: „sei so gut und bringe mir einen Gitterkasten, der sich mit einer Schnur öffnen und schließen läßt.“ Als der Hundskopf wiederkam, brachte er ihr einen solchen Kasten. Das Mädchen aber steckte sich mit sammt ihrem Täubchen hinein und verschloß ihn mit der Schnur, so daß der Hundskopf den Kasten nicht öffnen konnte. Als dieser sah, daß alle seine Mühe vergeblich war, nahm er den Gitterkasten mit sammt dem Mädchen, trug ihn in die Stadt und rief: „wer kauft einen Käfig für einen Feuerbrand und einen Holzklotz?“ Indem er so rief, da kam der Königssohn vorüber und kaufte den Kasten von ihm, weil er wußte, daß ein Mädchen darin war. Er stellte ihn auf das Bänkelbrett in seiner Stube; und da er eine Reise machen mußte, so sagte er zu seiner Mutter: „rühre diesen Kasten nicht an, liebe Mutter, denn der muß stehn bleiben, wo er jetzt steht, bis ich von meiner Reise zurückkomme.“

Darauf reiste er ab. Während seiner Abwesenheit kam aber einmal die Mutter des Mädchens, mit dem er verlobt war, zu seiner Mutter zu Besuche, und als diese den Kasten erblickte, erriet sie, was darin sei, und sprach: „Höre Gevatterin, diesen Kasten mußt du in den Rauch hängen, damit das nicht verdirbt, was darin ist“, und redete der Königin so lange zu, bis sie den Kasten in den Rauch hängen ließ, und dort blieb er drei Jahre lang, denn ebenso lange blieb der Königssohn vom Hause weg.

Als er aber wiederkam und seinen Gitterkasten im Rauche hängen sah, ward er sehr zornig und fragte seine Mutter, „wer das getan habe“; und die antwortete: „lieber Sohn, daran ist deine Schwiegermutter Schuld; denn diese kam eines Tags zu Besuch, und setzte mir so lange zu, bis ich den Kasten in den Rauch hängen ließ.“ Darauf nahm er ihn sogleich herunter, öffnete ihn und fand das Mädchen darin, das von dem Rauche noch viel schöner geworden, als es früher war. Der Königssohn aber sagte seiner Braut ab und nahm das Mädchen zur Frau, und sie schenkte ihm ein Kind und lebte sehr glücklich mit ihm. Eines Tage fragte er sie: „Sage mir, sehnst du dich nicht nach deiner Mutter?“ und sie antwortete: „wenn du mich zu ihr führen lässest, so gehe ich.“ Da gab er ihr zwei Diener zur Begleitung, und mit diesen machte sie sich auf den Weg und nahm auch ihr Kind mit. Unterwegs aber machten die beiden Diener mit einander aus, die Königin zu schänden und dann sammt ihrem Kinde umzubringen. Da sprach der eine: „wir wollen mit dem Kinde den Anfang machen“, und das taten sie; während sie aber das Kind ermordeten, entschlüpfte ihnen die Mutter, und lief so schnell, daß sie sie nicht einholen konnten. Nachdem sie eine Weile herumgeirrt war, begegnete sie einem Hirten, und sprach zu ihm: „wenn du mir deine Kleider giebst, so gebe ich dir dafür die meinigen“, und da der Hirte das zufrieden war, so tauschte sie mit ihm die Kleider und kehrte in Hirtentracht zu ihrem Manne zurück.

Nach einer Weile kamen auch die beiden Diener nach Hause, und als sie der König fragte, „ob sie seine Frau zu ihrer Mutter gebracht hätten“, sagten sie: „ja.“ Da trat diese in ihrer Hirtentracht hervor und erzählte, wie es ihr ergangen sei, und als das der König hörte, machte er die beiden Diener mit eigener Hand nieder.

Quelle: Johann Georg von Hahn: Griechische und Albanesische Märchen. München/Berlin 1918