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Das Gold von Toulouse

Glück ist nur dort, wo das Gold nicht ist. Diese Weisheit kannten die Alten. Deshalb sagten sie auch, wenn sie das Unglück eines Menschen zeigen wollten: Er hat Gold!

Die Vorfahren der Toulouser hatten einen Tempel, der inmitten eines Sees lag. In diesen See warfen sie ihre Opfer in Gold und Silber. Sie waren mit bei dem Sturm und der Plünderung des Apollotempels durch die bis nach Asien vorgedrungenen Gallier gewesen und hatten eine große Beute mit in die Heimat zurückgebracht. Aber kaum war das sieg- und beutereiche Heer in Toulouse angelangt, als eine furchtbare Pest ausbrach.

Die Priester fragten bei den Göttern um Rat, und das Orakel erklärte, das Gold des geraubten Tempels von Delphi schreie um Rache, und die Seuche werde nicht aufhören, bis die Beute in den heiligen See versenkt worden sei. Und so geschah es dann.

Der Glaube des Volkes vermehrte diese Schätze, bis endlich die Römer kamen und das Land eroberten. Caepio handelte als Sieger und tat, was die Toulouser anderswo selbst getan hatten. Er holte das Gold aus dem heiligen See herauf und führte es heim. Unterwegs wurden die Räuber von anderen Räubern überfallen, und die Beute wurde ihnen wieder abgenommen. Der Senat klagte Caepio an, er habe das Geld für sich behalten wollen. Da er mit leeren Händen kam, war seine Verteidigung ohne Kraft, er wurde verurteilt, verbannt und starb elend in der Fremde.

Die Sage setzt hinzu: Alle seine Soldaten, die von dem Gold genommen hatten, kamen ebenfalls unglücklich um. So entstand der Spruch: Er hat Toulouser Gold. Und das heißt: Er ist unglücklich.

Quelle: J. Venedey, Das südliche Frankreich, Frankfurt am Main 1864