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DIE LÜNGSAGE - DIE WITWE IM WARDÜNTAL

Jens Lüngs fromme Witwe erzog ihre beiden Kinder in Dürftigkeit, in Kummer und Sorgen. Sie hatte eine Kuh und einige Schafe, spann und strickte Wolle und machte Dachstricke aus dem Dünenhalm. Ihre Kinder hielt sie zur Teilnahme an ihren Arbeiten an und erzählte ihnen abends bei der Tranlampe von dem, was von altersher Gott und die Menschen getan.

Ihre Tochter wuchs denn auch an ihrer Seite auf wie ein junges Reis aus der Wurzel eines edlen Stammes und wurde immer mehr das Ebenbild der Mutter. Der Sohn aber war, wie es schien, ein wilder Zweig, war ein schläfriger und träger Junge, mit dem die Mutter nichts Rechtes anfangen konnte.

Schickte sie ihn nach der Kuh oder nach den Schafen, so mußte sie nach einigen Stunden gewöhnlich selber ins Feld gehen, um ihn zu suchen; wollte sie ihn durch Ermahnungen, durch Belehrungen oder Erzählungen zum Guten leiten, so schlief er ihr ein; wollte sie ihn strafen, so widersetzte er sich sogar. Sie hatte daher vielen Kummer über ihren Sohn, und man nannte ihn auf ganz Hörnum seiner Trägheit wegen Jakob Leiert oder Jakob Langsam; keiner zweifelte, daß er ein Nichtsnutz werden würde. Er sprach selten und lachte niemals. Gewöhnlich trieb er sich müßig in den Dünen und am Strande umher, oder er lag irgendwo zu schlafen. So wuchs er heran, und mit seinen Kräften wuchsen auch seine üblen Eigenschaften. Selbst der damalige Prediger in Rantum, Herr Albert, dem die Witwe ihre Not mit dem Knaben geklagt hatte, vermochte ihn nicht zu ändern.

Als Jakob größer wurde, stand er oft mitten in der Nacht auf, ging ohne Wissen und Willen der Mutter aus und kehrte erst gegen Morgen zurück. Keiner wußte, wo er war und was er machte. Nur wenn die Mutter bisweilen am Morgen ein Gericht frischer Butten, einen toten Hasen oder neuen Feuerungsvorrat auf dem Herde fand, konnte sie schließen, wo Jakob in der Nacht gewesen war. Dann schlief er aber auch um so fester und länger am folgenden Tage. Oft und gern spielte er mit einer kleinen weißen Katze, die nicht in das Haus seiner Mutter gehörte, sondern bisweilen am Tage, doch öfter in der Nacht von dem Dorfe Rantum herüberschlich nach dem Wardüntal. Wie die Schwester Ellen zu beobachten Gelegenheit fand, begleitete die Katze ihn auf seinen nächtlichen Streifereien.

Die weiße Katze war eine Hexe, war ein schönes Mädchen aus Rantum, welches jung schon die geheime Kunst gelernt hatte, sich in eine Katze oder ein anderes Tier zu verwandeln. Es spielte als Katze mit dem Knaben, dem langsamen Jakob, aber weckte als Jungfrau das Feuer in dem Jüngling. Am Tage nur spielte sie die Rolle der Katze, in der Nacht war sie früh schon die Braut Jakobs. Stets begleitete sie ihn auf seinen nächtlichen Wanderungen am Strande und in den Dünen, wenn er Vögel und Fische fing oder Strandgut sammelte, und warnte und beschützte ihn vor Gefahren.

Es gab aber damals so viele Hexen und Tröler auf Sylt, und besonders in den Dünen, daß die beiden Verliebten, Jakob und Kressen, so hieß seine Braut, nicht lange ihre nächtlichen Zusammenkünfte und Wanderungen unbemerkt und ungestört fortsetzen konnten. Als ihr Geheimnis bei den übrigen Hexen viel Geschwätz und Neid erregt hatte, konnte sich Kressen vor dem Gespött und Gekicher kaum mehr sehen lassen. Jakob machte daher zuletzt manchen nächtlichen Gang allein; aber er entbehrte damit auch den Schutz der liebenden und warnenden Fee.

Einst hatte er sich verspätet, wie es so oft auf seinen nächtlichen Streifereien geschah.

Als es Morgen wurde, segelte ein Helgoländer Fischerfahrzeug mit dem Flutstrom durch das Hörnumgatt in die Bucht hinein, an der Jakob trostlos stand. Nachdem das Schiff Anker geworfen hatte, rief der Schiffer dem langen Jakob zu: "Hör, Freund, ich habe draußen beim Fischen zwei meiner Gesellen verloren. Du scheinst mir tüchtige Glieder zu haben und könntest wohl für zwei arbeiten. Hast du Lust, einen guten Schilling zu verdienen, so will ich dich mit meiner Jolle abholen!"

"Holt mich nur ab, ich will mit Euch fahren", antwortete freudig Jakob.

Nach fünf Minuten war er bereits an Bord. Als die Ebbe eintrat, lichtete der Schiffer die Anker und segelte wieder ab. Jakob war nun Matrose und Heringsfischer und ein tüchtiger Gehilfe seines Schiffers, der wohl mit ihm zufrieden war und ihn reichlich belohnte.

Seine Mutter und seine Schwester aber gerieten in große Angst und Sorge seinetwegen, weil sie nicht wußten, warum Jakob plötzlich ganz ausblieb.

In dieser Zeit ließen sich, wie auch schon früher ab und zu, oft fremde Fischer, Strand- und Seeräuber an der Südspitze der Halbinsel Hörnum und in der Renne am Buder sehen. Sie kamen jedoch selten nach den Dörfern der Insel und hatten, soviel man wußte, bisher keinem Sylter etwas zuleide getan. Eines Tages nun, als Ellen nach ihrem Bruder suchte, wagte sie sich auch nach der Südspitze der Insel in der Hoffnung, ihn dort zu finden.

Es war aber gerade damals ein schwedisches Seeräuberschiff am Buder angekommen, ohne daß die Jungfrau es wußte. Als nun die gottlosen Räuber das schöne Mädchen gewahrten, stiegen sie ans Land und liefen dem armen, unschuldigen Geschöpf nach. Schüchtern wie ein gejagter Hase suchte Ellen sich zu verbergen, bald rannte sie weiter nach der Landspitze zu. In ihrer Angst sah sie sich um, ob kein Weg zum Entrinnen übrig wäre, denn sie stand schon an dem äußersten Ende der Insel. Allein es gab keinen mehr: vor ihr das Meer, hinter ihr die Räuber, die immer näher kamen und sie im nächsten Augenblick umringen würden.

Da dachte sie ohne Zweifel an ihren Vater und sein Ende. Sie faßte sich schnell und befahl Gott ihre Seele. Dann stürzte sie sich in die See und ertrank vor den Augen ihrer erbarmungslosen Verfolger.

Das war das traurige Ende der tugendhaften Ellen, die lieber tot als Sklavin der Räuber sein wollte.

Nach diesem Verlust ihrer beiden Kinder glaubte die alte einsame Witwe, sich zu Tode weinen und hungern zu müssen; denn sie war nachgerade so alt und schwach geworden, daß sie nicht mehr arbeiten und kaum mehr aus- und eingehen konnte. Als sie ihre Gedanken jedoch nach dem erlebten Unglück etwas gesammelt hatte, setzte sie ihr Vertrauen wie früher auf Gott und begann wieder, zu ihm zu beten um seine Hilfe und seinen Segen. Sie hoffte, der liebe Gott werde ihr gute Menschen zusenden, die sich ihrer erbarmen und sie in ihren letzten Tagen versorgen würden. Allein Gottes Wege sind nicht unsere Wege; was sie gehofft hatte, geschah nicht. Wohl aber fand sich die kleine weiße Katze, die unterdes groß und dick geworden war, wieder in ihrem Hause ein. Das Tier wich nicht mehr von ihrer Seite, wie oft sie es auch anfangs zu verscheuchen suchte. Nur wenn es Nacht wurde und die Alte zu Bett gegangen war und schlief, schlich sich die Katze weg. Sie fing Vögel und Fische und trug sie der Witwe ins Haus. Bisweilen schleppte sie auch Eier herbei, die sie den Vögeln aus den Nestern genommen hatte, und selbst Hasen brachte sie. Auf solche Weise ernährte das kluge und mitleidige Tier die alte, fromme Witwe im Wardüntal.

Einige Jahre später wurde es auf Sylt allgemein bekannt, daß in der Gegend von Helgoland so viele Heringe waren; erst dann beteiligten sich die Sylter mit "Allemann" an dieser Fischerei, und in der Folge nahmen sie sogar einen Hering als Wappen in ihrem Landessiegel an.

Wie verwunderten sich aber alle, als sie ihren Landsmann schon auf Helgoland beschäftigt fanden. Jakob Langsam ist daher der erste Sylter Heringsfischer gewesen. Man sagte deshalb später von ihm: Einmal in seinem Leben ist Jakob Langsam stark gelaufen und ist alsdan vor alle seine Landsleute gekommen.

Man sagt aber auch noch oft von einem trägen Menschen: Jakob hat ihn ereilt.

Ehe es aber dahin kam, daß seine Landsleute ihm in dem neuen Erwerbszweig nachfolgten, war Jakobs Schwester bereits gestorben, und seine Braut war, um dem Gespött der bösen Leute zu entgehen, in der Gestalt einer Katze zu seiner Mutter gezogen. Als treue und liebende Schwiegertochter sorgte sie für die alte Frau, freilich in der Gestalt einer Katze stets am Tage, wenn aber die Alte schlief, stets als emsige und sparsame Haushälterin in der Gestalt einer schönen, blühenden Jungfrau.


Quelle:Wilhelm Jessen, Sylter Sagen, nach den Schriften des Heimatforschers C. P. Hansen, Westerland auf Sylt, 1925