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Das Bauopfer oder der Säugling im Wehr

Vor langer, langer Zeit lebte an der Unstrut, zwischen Zeddenbach und dem Wendelstein, ein Müller, der bei seiner Mühle ein neues Wehr bauen wollte, da die Fluten der Unstrut ihm schon zweimal das Wehr zerstört hatten.

Bevor er jedoch an die Ausführungen des Baues gehen wollte, besprach er sich dieses Mal mit einem Baumeister, um sicher zu sein, daß nun endlich das Wehr den Fluten standhielt.

Dieser erklärte jedoch, daß alle Mühe umsonst wäre, wenn nicht ein lebendes Wesen, ein Mensch gar, in das neue Bauwerk eingemauert werden würde.

Und er flüsterte, ängstlich um sich schauend, dem Müller ins Ohr: "Kauft noch vor Jahannis, dem 24. Juni, heimlich ein Kind, das noch an der Mutterbrust trinkt, und vermauert es lebend, dann wird das Wehr allen Gewalten trotzen und unzerstörbar sein!" Dem Müller grauste. Doch tagtäglich lag ihm der Baumeister in den Ohren, denn das Wehr war gar wichtig und notwendig.

Schließlich schob der Müller alle Bedenken beiseite und suchte heimlich in der weiteten Umgebung nach einem entsprechenden Opfer. Endlich fand er, weit von der Mühle entfernt, eine arme Frau, die sich bereit fand, gegen schnödes Geld ihren Säugling von der Mutterbrust zu reißen und ihm zu überlassen. Und nun mauerte der Baumeister heimlich bei Nacht das wimmernde Kind unter allerlei Beschwörungsformeln und Sprüchen in das Mauerwerk ein, ohne daß jemals irgendein Mensch von dieser schrecklichen Untat etwas erfahren sollte.

Als nun das nächste Frühjahr herankam, führte die Unstrut über alle Maßen großes und wildes Wasser, aber das neue Wehr trotzte tatsächlich den Fluten, als wäre es aus Granit erbaut. Und so hielt es volle 20 Jahre allen Unbilden stand.

Da kam eines Tages von ungefähr und ganz zufällig die Rabenmutter, die seinerzeit ihr Kindlein verkauft hatte, in die Nähe der Mühle und des Wehres. Und sogleich fing das Wasser der Unstrut gewaltig an zu brodeln, zu zischen und zu schäumen. Zutiefst wühlte der Fluß den Grund auf und zerstörte in einem Augenblick das so lange Zeit unversehrt gebliebene Wehr. Unter furchtbarem Getöse zerbarst es und verschwand in den Fluten des Flusses. Da tauchte ganz plötzlich aus den tobenden Fluten die Unstrutnixe empor. Art ihrer Hand schwebte eine holde Jungfrau mit langem, wallendem Haar. Entsetzt erkannte die Frau in dem schönen Mädchen ihr Ebenbild von einst.

Sie eilte wie von Sinnen davon, man suchte lange nach ihr, schließlich fand man sie tot im Schilfe des Flusses.

Quelle: Sagen und Legenden aus Nebra (Unstrut), Gesammelt und neu erzählt von Rudolf Tomaszewski, Nebra 1987