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DIE GRÜNDUNDSAGE DER STADT TRIER

Im Jahre 1300 vor der Gründung der Stadt Rom führte der Assyrerkönig Ninus (Gründer der Stadt Niniveh) in der Absicht, seinen Herrschaftsbereich auszuweiten, Heere über die Grenzen seines Reiches. Fünfzig blutige Jahre seines Lebens verbrachte er in Kriegen, die er in Asien führte. Zuletzt überwand er den Baktrerkönig Zoroaster in einer Schlacht und liess ihn töten. Er selbst erlag aber einem Pfeilschuss, als er eine Stadt belagerte.

Er hinterliess seine Gattin Semiramis und zwei Söhne: Trebeta und Nina. Der ältere Sohn, Trebeta, entstammte einer Verbindung mit einer Chaldäerkönigin, die Ninus vor Semiramis geheiratet hatte. Nina dagegen war ihm von Semiramis geboren worden. Nach ihres Gatten Tod wollte Semiramis ihren Stiefsohn Trebeta heiraten. Da dieser sich aber ihrer Absicht widersetze, verfolgte sie ihn so lange mit ihrem Hass, bis sie ihn aus ihrem Reich vertrieb.

Trebeta und seine Freunde zogen nun lange umher. Das Los wies sie nach Europa. Nach langer Wanderung gelangten sie ins Moseltal. Gefangen von der Lieblichkeit der Landschaft beschlossen sie dort zu bleiben und eine Stadt zu erbauen. Nach Trebeta's Tod folgte ihm in der Herrschaft sein Sohn Ero. Er bestattete seinen Vater auf dem Juraberge. Auch liess er die Taten seines Vaters auf einer Marmortafel aufschreiben, die er der Erde übergab.

Nach Ero's Tod regierten eingeborene Trierer die Stadt. Sie begannen ihre Stadt zu befestigen. Zuerst erbauten sie an der Nordseite der Stadt aus Quadersteinen ein Stadttor mit grossen Türmen und nannten es Porta Nigra (Schwarzes Tor). Ein zweites Tor mit Türmen wurde gegen Osten errichtet. Dieses Tor nannten sie Porta Alba (Weisses Tor). Das dritte Tor wurde mit hohen Türmen an der Südseite der Stadt erbaut. Sie nannten es das Porta Media (Mitteltor). Ein viertes Tor stand im Westen am Ufer der Mosel. Es übertraf an Schönheit alle anderen Tore und wurde deshalb Porta Inclyta (Berühmtes Tor) genannt. Sie zierten es mit Sternen aus Gold, die dem benachbarten Hafen bei Tag und Nacht als Leuchtturm dienten.

Auch errichteten sie ein geräumiges Kapitol, ferner einen Göttertempel, in dem nicht weniger als 100 Götter verehrt wurden. Sie errichteten ferner zu Ehren des Gottes Merkur, den sie als höchsten Gott verehrten, einen Bogen von grosser Höhe, in dem sie ein überaus grosses eisernes Bildnis Merkurs mit zwei gewaltigen Magnetsteinen zum Schweben brachten.

Nicht weit davon erbauten sie über die Mosel aus mächtigen Steinen eine Brücke. Sie errichteten auch Türme, Paläste, Tempel, Statuen, Thermen und Theater. Sie leiteten auch zwei Bäche in die Stadt, damit sie fliessendes Wasser hatten. Sie errichteten auch ein Denkmal aus Marmor mit dem Bildnis des Gottes Jupiter, der eine goldene Schale in den Händen hielt, die mit Weihrauch oder anderen Räucherstoffen gefüllt wurde und eine duftende Rauchwolke spendete.

Auf die Gründungssage nimmt auch die Inschrift am Roten Haus zu Trier Bezug:

ANTE ROMAM TREVERIS STETIT ANNIS MILLE TRECENTIS.
PERSTET ET AETERNA PACE FRUATUR !

Eher als Rom stand Trier eintausend und dreihundert Jahre.
Möge es weiter bestehen und sich ewigen Friedens erfreuen !

 

Der Urtext der Gründungssage lautet wie folgt:

Nini Semiramis, quae tanto coniuge felix, Plurima possedit, sed plura prioribus addit, Non contenta suis nec totis finibus orbis, Expulit a patrio privignum Trebeta regno, Profugus insignem nostram qui condidit urbem,
Treberis huic nomen dans ob factoris amorem, Quae caput Europae cognoscitur anteritate.
Filius huius Ero, patris haec epigrammata pono.

HS 109, fol.1r Schaffhausener Johannis-/Ministerialbibliothek, 10.Jh.

Marktkreuz Trier

Trebeta, so kann der Inhalt des Gedichts zusammengefasst werden, ist von seiner Stiefmutter Semiramis, der Gemahlin des Ninus (sagenhafter Gründer der Stadt Ninive und des assyrischen Reiches), wegen ihrer Herrschsucht aus dem Reich vertrieben worden, hat als Flüchtling unsere Stadt gegründet und ihr aus Liebe zu seiner Gründung den Namen Trier (Treberis) gegeben. Die Stadt ist als Haupt Europas an ihrem ehrwürdigen Alter erkennbar. Trebetas Sohn Ero (Hero) hat ihm diese Inschrift gesetzt.

Dieses aus dem 10. Jahrhundert stammende Gedicht wurde im 11. Jahrhundert in der HYSTORIA TREVERORUM (wahrscheinlich zwischen 1050 und 1060) und Anfang des 12. Jahrhunderts *) von einem Trierer Mönch aus dem Kloster St. Eucharius (heute St. Matthias) als ausführliche Erzählung niedergeschrieben. In den folgenden Jahrhunderten wurde die Sage unterschiedlich interpretiert und ausgeschmückt; sie fand bis zum 15. Jahrhundert in vielen Städten Europas Verbreitung. Nach Ilse Haari-Oberg (Die Wirkungsgeschichte der Trierer Gründungssage, Basel, 1994) sind vom 10. bis 15. Jahrhundert insgesamt 52 Quellen bekannt.

*) Nach Ph. Laven (Trier und seine Umgebungen in Sagen und Liedern, Trier, 1851) eröffnete der Trierer Mönch Eberhard (verstorben 909) in St. Eucharius (heute St. Matthias), die Reihe der Trierischen Geschichtsschreiber (Laven bezieht sich hierbei auf Hontheim in Hist. Trev. Dipl. T.I. pag. XVII).

Nachstehend die Trebeta-Sage (Zenz, Emil: Streifzug durch die Taten der Trierer - Ein historisches Lesebuch. Paulinus-Verlag Trier, 1989, Einheitssacht: Gesta treverorum):

DIE GRÜNDUNGSSAGE DER STADT TRIER:

Im Jahre 1300 vor der Gründung der Stadt Rom führte der Assyrerkönig NINUS in des Absicht, seinen Herrschaftsbereich auszuweiten, Heere über die Grenzen seines Reiches. Fünfzig blutige Jahre seines Lebens verbrachte er in Kriegen, die er in Asien führte. Zuletzt überwand er den Baktrerkönig (1) Zoroaster in einer Schlacht und liess ihn töten. Er selbst erlag aber einem Pfeilschuss, als eine Stadt belagerte.

Er hinterliess seine Gattin SEMIRAMIS (2) und zwei Söhne: Trebeta und Nina. Der ältere, TREBETA, entstammte einer Verbindung mit einer Chaldäerkönigin (3), die Ninus vor Semiramis geheiratet hatte. Nina dagegen war ihm von Semiramis geboren worden. Nach ihres Gatten Tod wollte Semiramis ihren Stiefsohn Trebeta heiraten. Da dieser sich aber ihrer Absicht widersetze, verfolgte sie ihn so lange mit ihrem Hass, bis sie ihn aus ihrem Reich vertrieb.

TREBETA zog nun lange umher und suchte eine neue Heimat. Ermattet von den Strapazen seines Umherziehens, suchte er endlich durch Los zu erfahren, wo er sich niederlassen könnte. Das Los wies ihn nach Euopa. Nach Überquerung des Mittelmeers gelangte Trebeta in das Moseltal, ein Land, an Wäldern reich und von Berghängen umschlossen. Gefangen von der Lieblichkeit der Landschaft beschloss er, dort zu bleiben und eine Stadt zu erbauen, der er seinen Namen Trebeta (TREBERIS = Trier) gab.

Im Jahre 1250 (4) vor der Gründung ROMs wurde die Stadt TRIER also gegründet, ein Ort von noch geringem Ruf. Dies geschah im 7. Jahre der Lebenszeit des Patriarchen Abraham.

Nach Trebetas Tod folgte ihm in der Herrschaft sein Sohn HEROS. Er liess seinen Vater nach heidnischer Sitte verbrennen und bestattete ihn auf einem Gipfel des Juraberges (Mons Juranus = heutiger Petrisberig) (5). Er errichtete ihm Altäre und befahl seinen Untertanen, seinen Vater als Gott zu verehren. Auch liess er die Taten seines Vaters auf einer MARMORTAFEL aufschreiben, die er zur Kenntnis der kommenden Geschlechter mit dem Leichnam seines Vaters dem Schoss der Erde übergab.

Nach Hero's Tode regierten eingeborene Trierer die Stadt. Und schon unternahmen es die Trierer, an Zahl und Macht gewachsen, ihre Stadt zu befestigen. Zuerst erbauten sie an der Nordseite der Stadt aus Quadersteinen ein Stadttor mit grossen Türmen und nannten es PORTA NIGRA oder Marstor. Seine Steine waren nicht durch Kalkmörtel, sondern durch Eisen oder Blei miteinander verbunden. Sie nannten es Marstor, wenn sie auszogen zum Krieg. Schwarzes Tor (Porta Nigra) wurde es genannt wegen der Trauer, in der sie, wenn sie vom Feind besiegt wurden, durch es zurückkehrten. Das an Länge und Breite geräumige Feld nördlich dieses Tores, wo die jungen Männer zum Kriegsdienst ausgebildet wurden, hiess Marsfeld (6).

Ein zweites Tor wurde gegen Osten, ebenfalls mit prachtvollen Türmen, errichtet. Hier wurden die Trierer, wenn sie aus einem Krieg siegreich zurückkehrten, unter dem Zulauf und den Freudensbezeigungen der ganzen Stadt empfangen. Deshalb nannte man es PORTA ALBA = Weisses Tor (7).

Das dritte Tor wurde mit hohen Türmen an der Südseite der Stadt erbaut; man nannte es das PORTA MEDIA (Mitteltor) (8). Ein grosser und bedeutender Handesmarkt befand sich vor diesem Tor. Dort wurden auch die Toten zur Bestattung hinausgetragen. (9)

Ein viertes Tor stand im Westen am Ufer der Mosel. Es übertraf an Pracht und Schönheit alle anderen Tore und hatte deshalb den Namen PORTA INCLITA = Berühmtes Tor. Die Trierer zierten es mit Sternen aus Gold, die dei benachbarten Hafen bei Tag und Nacht als Leuchtturm dienten.

Auch errichteten die Trierer ein geräumiges Kapitol, ferner einen Götzentempel, in dem nicht weniger als 100 Götzenbilder vom Volke verehrt wurden. Sie errichteten ferner zu Ehren des Gottes MERKUR, den sie als höchsten Gott verehrten und der - wie sie glaubten - als Mittler zwischen Göttern und Menschen und als Bote des Friedens hin und her flog, einen Bogen von grosser Höhe, in dem sie ein überaus grosses, ehernes Bild Merkurs, so als flöge es durch die Luft, zum Schweben brachten; er trug die Inschrift: "Frei in den Lüften hängt aus Eisen der Heroldsträger". Es war aber ein Magnetstein im Gewölbe und ein anderer im Boden des Bogens eingefügt, dessen natürliche Kraft das Eisen in gerader Richtung anzog, und so schwebte das mächtige, eherne Bild in der Luft (10).

Nicht weit davon erbauten sie über die Mosel aus mächtigen Steinen, die durch Blei und Eisen verbunden waren, eine Brücke, die kein Alter wankend machen und keine Wasserflut zerstören kann. Sie errichteten auch Türme, Paläste, Tempel, Statuen, Thermen und Theater. Da sie auch Wasser im Überfluss zu haben wünschten, leiteten sie einen Bach, der heute Olewig heisst, am Fusse des Juraberges in die Stadt, der, in verschiedene Läufe aufgeteilt, kaum der Hälfte der Stadt genügen konnte. Da leiteten sie nun einen zweiten Bach, Riveris genannt, mit steinernen Bögen an verschiedenen Bergeshängen vorbei und über tiefe Täler und erfüllten alle ihre Strassen mit frisch fliessendem Wasser, das, durch Regenwasser vermehrt, allen Unrat der Stadt in die Mosel führte (11).
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ANMERKUNGEN:
(1) Baktrien, in Alt-Iran (einschliesslich Afghanistan) gelegen; Haupstadt war Baktra (Balch), die wahrscheinliche Heimat des Propheten Zarathustra (etwa 630-553 v. Chr.).
(2) Hinter der legendären Semiramis steht die historische Persönlichkeit der Königin Sammurabat (ca. 800 v. Chr.). Lit.:G.Kentenich, Die Trierer Gründungssage in Wort und Bild. In:Trierisches Heimatbuch 1925. S.194 f.
(3) Lit.: E. Zenz, Das legendäre Gründungsalter der Stadt Trier, In: Neues Trier. Jahrbuch 1982. S.5-10.
(4) Siehe Anm.3.
(5) Das "Franzensknüppchen" auf dem Petrisberg wurde lange Zeit für sein Grab gehalten.
(6) Das Gelände nördlich der Porta Nigra zwischen St. Paulin und St. Marien.
(7) Im Mittelalter "Wisport" genannt oder Alben; das heutige Heiligkreuz.
(8) Porta Media = gemeint ist die Stelle, wo einst das Neutor stand.
(9) Anspielung auf das Gräberfeld bei St. Matthias.
(10) Siehe Anm. 2 (Kentenich).
(11) A. Neyses, Die Ruwer-Wasserleitung des römischen Trier. Hrsg. vom Verkehrsverein Waldrach (o.J.). S.6-10.

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Auf die Gründungssage nimmt auch die Inschrift am Roten Haus am Trierer Hauptmarkt Bezug:

ANTE ROMAM TREVERIS STETIT ANNIS MILLE TRECENTIS.
PERSTET ET AETERNA PACE FRUATUR.

Vor Rom stand Trier 1300 Jahre.
Möge es weiter bestehen, ewigen Friedens sich freuen.


DIE MARKTKREUZ-INSCHRIFT: DER WUNDERBARE KREUZREGEN IM JAHRE 958

Das Säulenkreuz auf dem Hauptmarkt in Trier ist ein Freimonument und in seiner Art das älteste erhaltene Denkmal auf deutschem Boden. Die Inschrift auf der Deckplatte des Kapitells "Heinrich, Erzbischof von Trier, hat mich errichtet", weist das Säulenkreuz in die Zeit der sächsischen Kaiser, in das 10. Jahrhundert (958). Der Trierer Erzbischof Heinrich I. war ein Vetter Ottos des Grossen. Er hatte den Bischofsstuhl von 956 bis 964 inne. Das Kreuz nimmt durch seine zeitliche Stellung einen hervorragenden Platz in der monumentalen ottonischen Kunst und zugleich in der Geschichte der Stadt Trier ein.

Das Original des Kreuzes befindet sich im Städtischen Museum Trier. Auf dem Hauptmarkt steht heute eine renovierte farbige Kopie, die den Stadtpatron (Petrus), die Sonnenuhr und die Inschrift deutlich erkennen lässt.

Beschreibung des Trierer Marktkreuzes: Das Säulenkreuz ist ein dreiteiliges freistehendes Monument von rund 5 m Höhe, bestehend aus einem Sockel, einer Säule mit Kapitell und einem Kreuz. Aus dem Sockel erhebt sich eine Säule aus Granit (Spolie), die von einem antiken Bauwerk aus der Römerzeit stammt. Auf der Säule befindet sich ein Kapitell aus Sandstein. Über dem Kapitell erhebt sich auf einem Sockel ein Tatzenkreuz. Die Vorderseite des Kreuzes (Relief) zeigt ein Lamm Gottes (Agnus Dei). Die Rückseite des Kreuzes enthält folgende Inschrift (seit 1724):

OB MEMORIAM SIGNORUM S. CRUCIS QUE CAELITUS SUPER OMNES VENERANT
ANNO DOMINI 958 ANNO VERO EPISCOPATUS NOSTRI SECUNDO
HENRICUS ME EREXIT RENOVATUM ANNO 1724

Hiernach wurde das Marktkreuz im Jahre des Herrn 958 durch Bischof Heinrich in seinem zweiten Amtsjahr zur Erinnerung an die Kreuzeszeichen errichtet, die vom Himmel auf die Menschen gekommen sind, wobei angemerkt sei, dass 1724 die obige Neufassung der Inschrift erfolgte.

Vorher lautete die Inschrift wie folgt (Reichsunmittelbarkeits-Prozessakten, 19.02.1571, StA Trier):

OB MEMORIAM SIGNORUM CRUCIS QUAE CAELITUS SUPER HOMINES VENERANT
ANNO DOMINICAE INCARNATIONIS DCCCCLVII ANNO VERO EPISCOPATUS SUI SECONDO
HENRICUS ARCHIEPISCOPUS TREVIRENSIS ME EREXIT

Nach einem Randvermerk in einer Fassung der Gesta Treverorum (Ms. lat. quart. 9 fol. 44) die in die Zeit 1492/93 fällt (Prof. Dr. Richard Laufner: Das Trierer Marktkreuz, Das Kreuzwunder vom Jahre 958, In: Hauptmarkt und Marktkreuz zu Trier, 1958, S. 109) lautete die Kreuz-Inschrift urspünglich:

OB MEMORIAM SIGNORUM CRUCIS QUE CELITUS SUPER HOMINES VENERANT
ANNO DOMINICE INCARNATIONIS DCCCCLVII ANNO VERO EPISCOPATUS NOSTRO SECUNDO HENRICUS ARCHIEPISCOPUS ME EREXIT.

Auch dieser älteste Urtext aus dem Mittelalter bekundet einen "Kreuzregen" im Jahre 958.

Prof. Dr. Franz Xaver Kraus (verstorben 1901) bezweifelte, dass dieser Text vor dem 12. Jahrhundert (Entstehung der bürgerlichen Selbstverwaltung) entstanden ist . Der frühere Stadtarchivar und Stadtbibliothekar Prof. Dr. Gottfried Kentenich nahm sogar an, dass auf dem Marktkreuz ursprünglich nur folgende Worte "von antiker Einfachheit" eingemeisselt waren:

HENRICUS EPISCOPUS ME EREXIT (Bischof Heinrich hat mich errichtet).

Nach einem Gutachten aus dem Jahre 1958 (Prof. Dr. Bischoff) besteht kein Zweifel, dass die Inschrift auf dem Kapitellrand ("HENRICUS ... ME EREXIT") im Jahre 958 eingemeisselt wurde.

Unabhängig von der Frage, wann und warum die Kreuzregen-Inschrift angebracht wurde, verdient der mittelalterliche Bericht von dem Kreuzwunder durchaus Beachtung, denn Kreuzwunder sind aus der Römerzeit, dem Mittelalter und der Neuzeit überliefert:

Bereits in Marcus Aurelius Cassiodorus' Historia Tripartia, dem kirchengeschichtlichen Handbuch des Mittelalters, wird berichtet: "Auf dem Gewand des Kaiser Julians (Apostat, 332-363 n. Chr.) formten sich vom Himmel herabfallende Regentropfen zu Kreuzen, was die einen als Zeichen für den Untergang des Kaisers hielten, andere mit dem christlichen Dogma erklärten, daß alle mit dem Signum crucis berzeichnet würden." Ein anderes Kreuzwunder überliefert derselbe Cassiodor einige Jahre vorher vom Bruder Julians, dem Caesar Gallus (+ 354 n. Chr.), welchem bei Antiochia ein Säulenkreuz am östlichen Himmel erschien.

Auch für das Jahr 786 erwähnen mittelalterliche Annalen des 9. Jahrhunderts Kreuzerscheinungen auf Kleidern: (Annalium Alamannicorum continuatio, die Annales Flavienses et Lausonenses (8.-9. Jahrhundert), die Annales Einsiedlenses, die Annales Petavienses, die Lorscher Annalen, die Annalium s. Amandi continuatio altera, die Annales Juvavenses minores, die Annales s. Emmerani Ratisbonensis maiores, ebenso die Chronik des Sigebert von Gembloux (Prof. Dr. Richard Laufner: Das Trierer Martktkreuz - Das Kreuzwunder vom Jahre 958, Trier 1958).

Für das Jahr 958 (Errichtung des Trierer Marktkreuzes) ist durch einen Mönch (Widukind) des Klosters Korvey (925-980) folgendes überliefert: "Im näilichen Jahre erschienen wunderbare Dinge, nämlich Zeichen des Kreuzes an den Kleidern vieler Leute. Durch diesen Anblick wurden die meisten von heilsamer Furcht ergriffen, befüchteten Unglück und taten gleichfalls Busse für ihre Sünden. Einige erklärten es auch für Aussatz der Kleider, weil ein darauf folgender Aussatz viele Menschen zugrunde richtete. Die Weiseren aber verkündeten, dass das Zeichen des Kreuzes Heil und Sieg bedeutet habe, und diesem stimmen wir auch getreulich zu." (Die Übersetzung des lateinischen Textes stammt von Reinhold Schottin, Widukinds sächsische Geschichten, Berlin 1852, S. 104).

Ähnliche Berichte finden sich auch in anderen Chroniken aus dem 10., 11. und 12. Jahrhundert:
Hildesheimer Annalen bzw. Quedlinburger und Weißenburger Annalen (Ende des 10. Jahrhunderts), Annales Einsiedlenses, Thietmar von Merseburgs Chronicon um 1015, die Annales Sangallensis maiorees nach 1056 (für 956), die Chronica des Sigebert von Gembloux um 1110 und andere mehr. Obwohl neben schwäbischen und sächsischen Quellen auch eine lothringische, die Touler Bischofschronik (-1107), dieses Ereignis erwähnt, berichten weder die Gesta Treverorum, noch das Chronicon von St. Michael bei Verdun, die Annales Virdunenses und Mettenses brevissimi davon.

Der Maler Albrecht Dürer hat in seinem Tagebuch über ein ähnliches "Wunderwerk" im Jahre 1503 in Nürnberg berichtet, als auf viele Leute Kreuze gefallen seien, meist auf die Kinder. Eines dieser "Kreuzeszeichen" soll auf das Leinenhemd einer Magd gefallen sein, die hierüber sehr betrübt war und weinte und sehr klagte, weil sie befrüchtete, sie müsste bald sterben. Die von Dürer hierzu angefertigte Skizze zeigt Flecken in Form einer Kreuzigungsgruppe (Christus am Kreuz mit Johannes und Maria). Das Tagebuchblatt mit Text und Skizze ist in vielen Dürer-Büchern abgebildet. Darin ist am Rande auch von einem Kometen die Rede, den er um diese Zeit sah.

Für die Jahre 1500 bis 1503 hat auch der Verfasser des Wunderbuches von Eberhardsklausen vier Seiten mit Zeichnungen von "Kreuzerscheinungen" überliefert nebst Berichten und Deutungsversuchen (Stadtbibliothek Trier: Ms. 1684/337, S. 142-156).

Dieses zuerst im Jahre 1500 in Lüttich aufgetretene Phänomen wurde nach zeitgenössischen Berichten auch in vielen anderen Gegenden beobachtet (Schlesien, Schweiz, Bayern, Westfalen u.a.) und versetzte die Bevölkerung in Angst und Schrecken. Erzbischof Berthold von Mainz soll daher den Abt Johannes Trithemus beauftragt haben, dieses Phänomen zu erforschen, der hierüber unter dem Titel "De crucibus, quae in lineis vestibus hominum nostro apparuerunt temporare" ein Werk verfasste, das nicht veröffentlicht wurde. Trithemus (von Trittenheim an der Mosel stammend) kannte sicher auch das Trierer Marktkreuz, denn er weilte öfters in Trier. Es ist daher denkbar, dass er sich in seinem Gutachten auch mit dem Kreuzregen des Jahres 958 befasst hat. Wenngleich das Manuskript verschollen ist, so hat sich jedoch folgende Überlieferung (Trithemius: Chronikon Sponheimense, S. 219. In: Sagen aus Rheinland-Pfalz, S.28) bezüglich des Phänomens um das Jahr 1500 erhalten:

" Im siebzehnten Jahr des Abtes Trithemus (1500) und dem nachfolgenden Jahr erschienen an den Leinenkleidern der Menschen wie an Hemden, Weiberröcken Tischtüchern und Leinenzeug Kreuze, nicht nur an solchen, die man im Gebrauch hatte, sondern auch an denen, die in Kasten verschlossen waren und keinem Einfluss der Luft zugänglich zu sein schienen. Auch an den Korporalen, den Altartüchern und den weissen Kirchengewandern wurden sie oftmals gesehen. In Sobernheim und Meisenheim sah man sie zuerst zum grossen Schrecken und zur Furcht der Menge so plötzlich, dass sie manchmal, während das Salve in der Kirche gesungen wurde, dreissig Menschen an sich sahen, die so vorher nicht gehabt hatten. Nachher erschienen sie in Kreuznach und den umliegenden Dörfern, dann in Bingen und Mainz und in der Folge in vielen Orten Deutschlands. Die Kreuze waren klein, verschieden und ineinanderlaufend an Farbe, als wenn das Tuch mit einer mit Fettigkeit gemischten Farbe verschmiert worden sei. Sie konnten auch nicht weggewaschen werden, aber nach neun oder zehn Tagen verschwanden sie von selbst. Diesen Kreuzen ist zwei Jahre später an vielen Orten eine grosse Menschenseuche gefolgt."

Zum Trierer Kreuzregen im Jahre 958 wurden durch Peter Christoph Sternberg (1845) und Philipp Laven (1851) zwei Volkssagen überliefert:

Nach Sternberg verfinsterte sich eines Tages der Himmel und es regneten winzige Kreuze aus einer seltsamen Substanz herab, die auf der Kleidung der Menschen haften blieben und sich erst nach einer Weile auflösten. Die Trierer brachten dieses Ereignis mit einem Seher in Verbindung, dem sie kurz zuvor nicht geglaubt hatten, dass hinter dem Markusberg bewaffnete Ungarn lauerten. Nach dem Kreuzregen glaubten sie dem Seher und vertrieben den Feind. Nach Laven fielen in einer stillen und sternhellen Nacht kleine flimmernde feurige bzw. goldene Kreuze vom Himmel, die beim Erreichen des Bodens verschwanden. Die Trierer deuteten dies als Zeichen des Jüngsten Tages bzw. als Vorbote eines drohenden Weltunterganges.

Das Gedicht von Ph. Laven mit dem Titel "Das Marktkreuz" hat folgenden Wortlaut (Trier und seine Umgebungen in Sagen und Lieder, 1851, S.69-70. Unveränderter Nachdruck: Akademische Buchhandlung Interbook GmbH, Trier, 1995): "Hell schien die stille Nacht, mit sternenheller Pracht: Da rauschte hoch vom Himmel, ein flimmerndes Gewimmel von goldenen Kreuzeszeichen, die kaum die Erd erreichen, verschwinden und erbleichen. Die Menschen angsterfüllt, beschauten starr das Bild, sie warfen sich zur Erde, mit flehender Gebärde, und Jammer scholl und Klage: Dies sei des Himmels Sprache am Jüngsten aller Tage. Der Bischof fromm erglüht, er setzte von Granit, dem Gläubigen zum Heile, die kreuzgekrönte Säule: Geheul und Angst zerstoben. Seitdem prangt hoch erhoben, der Kreuze Bild von oben."

Eine dritte Version ist durch ein älteres Geschichtsbuch überliefert: "Im Jahre darauf (958) errichtete Heinrich das Kreuz auf dem Hauptmarkte zu Trier zum Andenken an ein Wunder, das damals geschehen sein soll: denn auf den Kleidern der Menschen hätten sich Kreuze gezeigt. Auch richtete er den Platz, auf welchem das Kreuz steht, zu einem Markte ein." (Quelle: Brouwer I 462 und Gesta 44).

Eine ausführliche Version enthält das Buch "Sagen aus Rheinland-Pfalz" (Quelle: F. Menk, Des Moseltales Sagen, Legenden und Geschichten, Koblenz 1840, S. 231-233). Hiernach soll sich der Kreuzregen am Trierer Hauptmarkt wie folgt zugetragen haben (Auszug): "... Desselben Mittags aber, als auf dem Markt ... viel Menschen versammelt waren, umzog sich mit Blitzesschnelle der Horizont, es wurde dunkler und immer dunkler ... Urplötzlich ... entluden sich die Wolken; aber weder Schnee, Hagel noch Regen fiel herab, sondern eine Masse kleiner Kreuze bedeckte die Kleider der auf dem Markt Stehenden. Diese Kreuzlein aber waren aus einer seltsamen Masse und verloren sich alsbald ohne Spur..."

Quelle: von Carlo Del Vecchio freundlicherweise für SAGEN.at zur Verfügung gestellt.
weitere Hintergrundtexte zu Trier finden sich auf seiner Webseite Zeitreise