DER ARME SPIELMANN

Es war ein alter Spielmann in Mainz, für den waren die guten Tage vorbei; niemand wollte ihn mehr hören, wenn er die Geige strich. Zuletzt irrte er ohne Obdach und hungernd umher. Wie er so den Rhein entlangging, kam er an einer kleinen Kirche vorbei. Er trat in die Türe und sah auf dem Altar das Bild einer Heiligen; das war reich geschmückt. Ihm war, als säh es ihn freundlich an. Er ging hin zu der heiligen Frau, sank vor ihr nieder und weinte sich einmal aus. Dann nahm er seine Geige und spielte und sang das Beste, was er konnte. Und als das Lied zu Ende war und er weiterziehen wollte, da warf ihm das Bild zum Dank einen goldenen Schuh herab. Der Alte hob ihn auf, küsste ihn, sagte tausendmal Dank und lief dann, so schnell er konnte, zur Stadt, sich Brot zu kaufen. Aber da wurde er angehalten, woher er den goldenen Schuh hätte. Niemand glaubte ihm, was er da erzählte. Die Häscher kamen und schleppten ihn als einen Kirchendieb vors Gericht und er wurde zum Galgen verurteilt.

Als er zum Hochgericht geführt wurde, kamen sie mit ihm wieder an der Kirche vorbei. Da blieb er stehen, trat vor die heilige Frau und rief sie um Hilfe an. Und er nahm noch einmal seine Geige und sang und spielte dem Bilde ein Lied. Wie er dann aber gehen wollte, warf ihm die Heilige auch den zweiten Schuh herab. Da wurde die Unschuld des Spielmanns offenbar vor allem Volk.

Quelle: Paul Zaunert, Rheinland-Sagen, 1924