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DIE DREI AUFLAGEN

Über die Stadt Osnabrück war ein Graf von Tecklenburg als Kirchenvogt gesetzt mit allerlei Rechten. Eines davon war, daß die Metzger sich von ihm mußten ihre Taxe setzen lassen. Diese Taxe brachte stets ein kleiner Burgzwerg auf einem Esel herunter in die Stadt, und ehe er mit der Taxe da war, durften die Metzger kein Lot Fleisch verkaufen, was ihnen stets sehr störend war, denn wenn die Käufer vom Markte hinweg waren, konnten die Metzger ihr Fleisch selbst essen. Vergebens bedrohten sie den Burgzwerg, wenn er sich nicht besser eile, und endlich, als seines Zögerns kein Ende wurde, so griffen sie ihn und zerhackten ihn und legten die Stücke in des Esels Tragkörbe und ließen diesen allein hinauf zur Tecklenburg treiben. Schrecklich war der Zorn des Grafen, er befehdete die Stadt, tat ihr allen Tort an und quälte sie so lange, bis sie um Gnade bat. Der Graf von Tecklenburg aber hatte nicht Willens, Gnade zu üben, sondern sprach höhnend, er wolle Gnade üben gegen das verräterische Osnabrück, wenn die Stadt binnen Jahresfrist zwei Scheffel Wieselinghöfer einliefere, welches kleine Silberheller waren, die ein früherer Bischof aus dem Geschlechte der Grafen von Weckelinghofen hatte prägen lassen und die man nur noch selten sah, sodann zwei blaue Windhunde und zwei Rosenstöcke ohne Dornen. Da war guter Rat sehr teuer, diese drei Auflagen zu erlegen. Weit und breit wurden Boten umhergesandt, schlechte Heller gab es genug, aber keine Wieselinghöfer; blauen Dunst genug, aber keine blauen Windhunde; Rosenhecken genug, aber nirgend dornenlose, denn das gemeine Sprichwort sagt ja ausdrücklich: Keine Rose ohne Dornen. Für die Münzen wurde endlich doch Rat geschafft, denn der Rat zu Osnabrück ließ verkündigen, daß er Agio auf die Wieselinghofer Heller zahle, da strömten aus allen Nachbarlanden die Bettelleute wie Sand am Meere ins Bistum Osnabrück und lieferten Wieselinghofer ein, bis der Rat genug hatte und den Kurs wieder sinken ließ, wie ein Rothschild. Unterdessen waren ein Paar weiße Windhunde in ein Zimmer mit blauen Glasfenstern gebracht worden, blau angestrichen, die wurden von blaugefärbten und -gekleideten Wärtern gefüttert mit Blaumeisen, Blaukehlchen und gekochtem Blaukohl aus blauen Geschirren. Da bekamen die Windspiele Junge, die waren schon etwas blau angelaufen, dann wurden von diesen Jungen aber Junge erzielt, die waren blitzblau. Mittlerweile hatte der Rat ausgesonnen, Rosenschößlinge durch enge Glasröhrchen wachsen zu lassen, da blieben die Dornen inwendig, denn sie hatten keinen Raum, hervorzutreiben. Und so erfüllten die Osnabrücker die drei schweren Auflagen mit Last und Mühe und hatten fortan wieder gute Ruhe; die Metzgerzunft aber wurde bedeutet, ihre Hackekunst nicht wieder an Zwergen zu üben. Das Geschlecht der blauen Windspiele verlor sich bald wieder, aber die dornenlose Rose ward fortgepflanzt und hat sich von Osnabrück aus in alle deutschen Gärten verbreitet.


Quelle: Ludwig Bechstein, Deutsches Sagenbuch, Leipzig 1853