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DER KLEINE SCHNEIDER

Zu Duderstadt in der goldnen Mark lebte ein Gewandschneiderlein, das war nicht höher als viertehalb Fuß, hatte aber eine große dicke Frau, und die wollte einstmals in die Wochen kommen. Da nun die Kindermuhme kam, so sprach sie leise mit der Frau und drehte sich dabei immer vorsichtig nach dem kleinen Manne um, der dort saß und eine Schneidersrechnung schrieb und den sie nicht kannte. Endlich aber fand sie es doch ganz und gar unpassend, daß selber Kleine Ohrenzeuge ihrer Verhandlungen mit der Wöchnerin sei, und wendete sich zu ihm und sagte: Lütje Jonge, ga dog an beten met dinen Schrybedouke weg, oder spele buten; ek hevve met diner Moime tau spräken, un dat schikt sek nich vor lütje Krabben, tau horken. Auf diese Rede ward dem Schneiderlein heiß und kalt, es begann zu greinen und sagte: Ick ben ja der Egtemann sülvest! - Da erschrak die langfingerige Frau und bat tusendig umme Unveröbelunge.


Quelle: Ludwig Bechstein, Deutsches Sagenbuch, Leipzig 1853