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De Wunnersteen

Bi Ahlhorn upp de groten Heide,
dor lagg vörden een groten Steen.
Mien Beßmauder ähr Urgrotvader,
De hett üm dor noch liggen sehn.
Un upp den Steen is wisse wäsen
Een rätselhaften Spruch to läsen:
"O Wunner, o wunner,
Wat ligg hier woll unner!"

Wat mögg dor doch woll unnerliggen?
So hett sich männigeener fragt.
Indes, dat Beest mal upptolichten,
Hett lange doch kien Minske wagt,
Un wiet und siet gung een Gemunkel,
Man wat et was, bleew jümmer dunkel.
"O Wunner, o wunner,
Wat ligg hier woll unner!"

Da hebbt eenmal de jungen Burschen
Van Ahlhorn sick tohopedahn
Un sünd den Klotz mit Hebebömen
Un Dumkraft dull to Liewe gahn.
Un schließlich is´t ähr uk gelungen,
Se hebbt dat schwore Beest bedwungen.
"O Wunner, o wunner,
Wat ligg hier woll unner!"

Nu gungt ant Schuffeln un ant Grawen;
Se warkten as ut Rand un Band.
Man wat se schuffelten un gröwen,
Se funnen nicks as Steen und Sand.
Un wat se schuffelten un gröwen -
Rein nicks? Dat was doch kum to glöwen!
"O Wunner, o wunner,
Wat ligg hier woll unner!"

Un as se sick noch bannig plagten
(Doch nich so iewrig mehr un drock),
Bekeek sich eener van de Burschen
De Unnersiete van den Block.
Un hier is uck jo wisse wäsen
Een sonnerboren Spruch to läsen:
"Dat würd nu uck all hoge Tied,
Dat ick mal keem upp de annere Siet!"

Der Wunderstein

Bei Ahlhorn auf der großen Heide,
da lang früher ein großer Stein.
Meiner Mutter Urgroßvater
Der hat ihn noch liegen seh´n.
Und auf dem Stein war gewiß
Ein rätselhafter Spruch zu lesen:
"Oh Wunder, oh Wunder,
was liegt hier wohl drunter?"

Was mag da wohl drunter liegen?
Hat sich manch einer gefragt.
Doch das Stück mal hochzuheben,
hat lange kein Mensch gewagt,
und weit und breit ging ein Gemunkel,
Doch was es war, blieb immer im Dunkeln.

Da haben einmal die jungen Burschen
Von Ahlhorn sich zusammengetan
Und sind den Klotz mit Hebebäumen
Und mit Kraft stark zu Leibe gerückt.
Und schließlich ist es ihnen auch gelungen,
das schwere Stück zu bezwingen.

Nun ginges ans Schaufeln und Graben;
Sie arbeiteten außer Rand und Band.
Sie fanden nichts als Stein und Sand.
Und wie sie schaufelten und gruben-
Rein gar nichts? Das war doch kaum zu glauben

Und als sie sich noch furchtbar plagten
(doch nicht mehr so mit eifrig und geschäftig),
Besah sich einer von den Burschen
Die Unterseite von dem Block.
Und hier wurde es gewiß
Ein sonderbarer Spruch zu lesen:
"Das wird nun auch langsam Zeit,
das ich mal auf die andere Seite komme!"

Quelle: Alwin Reinke: Visbeker Sagen. Vechta 1919, S. 31-32.
Übersetzung: Etta Bengen.

Die Sagen der Lüneburger Heide wurden von Etta Bengen gesammelt und für SAGEN.at zur Verfügung gestellt.
© der Zusammenstellung: Etta Bengen