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Die Zwerge am Wohlenberg

Der Wohlenberg ist eine ansehnliche Erhebung in der Fahlen Heide, die sich in dem Winkel erstreckt, wo Ocker und Aller zusammenfließen. Früher war er kahl, jetzt ist er aufgeforstet. Es entspringt dort ein schöner Quell, der das Wasser zu einer schwunghaft betriebenen Forellenzüchterei liefert, mitten in der Heide! Seit langer Zeit ist der Hügel eine Landmarke im flachen Lande, sagenumwoben und bei einem Ausfluge, den ich im Herbst 1893 dorthin machte, erzählte mir der zweiundsiebzigjährige Dietrich Thöne aus Hillerse an der Ocker folgende auf den Berg bezügliche Sage:
Vör Tîden sin im Wôlenbarge Twarge wesen. Wenn de bûren morgens taum ploigen gâ sin, dann hewwet de Frûenlüe ênen dat Froistück in Henkelpötten up et Feld ebracht un de Pötte nahe bi dem Wôlenbarge dâlesettet. Dat sin Arften mit Speck wesen. Da hewwet de kwaden Twarge upelûret; sei sin ût dem Barge kômen, wann de Bûren eten wullen, dann funnen se man Schîte.
Dat is so ne Tîd lang egân. Da hewwet se in Leiferde ne Kerke bûet un de Glocken fungen an to lüen. Dat kunnen de Twarge nich vertragen un da sin se hille wegetogen na Volkse tau. Wenn se an de Ocker kämen, kunnen se nich up de annere Sîte kômen, denn da is keine Brügge. Man en Schepper is da ewesen un den hat de Twargenkönig efraget, ob hei ên un sîne Twarge owerfoiren wulle, un wo lange dat wull dûre? Sä de Schepper: dat könne hei nich wêten, denn hei seie ja nich, wovêl Lüe hei overfoiren sulle.
Da fragete ên de Twargkönig, ob hei koppwiese betâlt sin wulle oder ob hei en Haut vull Tweipennigstücke hewwen wulle ? Da seggt de Schepper: En Haut vull Tweipennigstücke. Man morgen froi, da sulle de König mit sînem Volke da sîn.
Am annern Morgen kam ôk de König un de Schepper glôwete, hei wäre allêne, denn dei Twarge, dei met eme kamen, kunne hei nich seien. Hei het se awer owerfoiret, dat dûre vom froien Morgen bet taun Avend un de Kân is immer sau vull ewesen, dat hei bet taun Ranne im Water insunk. Nau sîn wî alle ôver, sä de Twargenkönig, un fragete den Schepper, ob hei mal seien wulle, wo vêl Twarge hei na Volkse owerfoiret härre? Ja! antwore de Schepper. Da nam de Twargkönig sînen Haut af un settete ên den Scheper up'n Kopp. Da kunne de Schepper tûsende un tûsende von lüttjen Twargen mit grôten Köppen seien, dei stunnen up'n Felde tehope; de harre hei owerfoiret. Da nam de Twargkönig dem Schepper den Haut wedder af-un da kunne hei de Twarge nich mehr seien. Dei sin wegetogen."

(Freie Übersetzung: Früher waren Zwerge im Wohlenberg. Wenn die Bauern morgens zum Pflügen gingen, dann brachten ihnen die Frauen das Frühstück in Henkeltöpfen auf´s Feld und die ließen sie nahe beim Wohlenberg stehen. Da waren Erbsen mit Speck darin. Das hatten die schlauen Zwerge ausgekundschaftet; sie sind aus dem Berg gekommen und wenn die Bauern essen wollten, dann fanden sie nur Dreck vor.
Das ist eine lange Zeit so gewesen. Dann wurde in Leiferde eine neue Kirche gebaut und die Glocken fingen an zu läuten. Das konnten die Zwerge nicht ertragen und sie sind weggezogen nach Volkse hin. Als sie an die Oker kamen, konnten sie nicht auf die andere Seite gelangen, da es dort keine Brücke gibt. Aber ein Schiffer war da und der Zwergenkönig fragte ob er sie übersetzten könne und wie lange das wohl dauere? Der Schiffer meinte, daß könne er nicht sagen, weil er nicht sehen könne, wie viele Leute er übersetzen solle.
Da fragte der Zwergenkönig, ob er haufenweise bezahlt werden wolle oder ob er einen Hut voll Zweipfennigstücken haben wolle? Da sagte der Schiffer: Einen Hut voll Zweipfennigstücken. Morgen früh solle der König mit seinem Volk zur Stelle sein.
Am anderen morgen kam der König und der Schiffer glaubte er sei mit dem König alleine, denn die Zwerge die mitkamen konnte er nicht sehen. Er setzte sie über, das dauerte den ganzen Tag und der Kahn sank jedesmal tief in`s Wasser. "Nun sind wir alle drüben", sagte der Zwergenkönig. Er fragte den Schiffer, ob er mal sehen wolle wie viele er nach Volkse übergesetzt habe? Ja, sagte der Schiffer. Da nahm der Zwergenkönig seinen Hut und setzte ihn dem Schiffer auf den Kopf. Da konnte der Schiffer tausende von kleinen Zwergen mit großen Köpfen sehen. Sie standen zusammen auf dem Feld. Da nahm der Zwergenkönig dem Schiffer den Hut wieder weg und er konnte die Zwerge nicht mehr sehen.)

Quelle: Peuckert, Will-Erich: Niedersächsische Sagen. Band IV. Göttingen 1968, S. 496f.
Die Sagen der Lüneburger Heide wurden von Etta Bengen gesammelt und für SAGEN.at zur Verfügung gestellt.
© der Zusammenstellung: Etta Bengen