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TILL BEUTELT IN DEN MONDENSCHEIN

Till, der niederdeutsche Schalksnarr, von einer schlichten, alten Bauersfrau im Heidestädtchen Gerdau endlich einmal überlistet und solcherart und seiner Barschaft ledig geworden, ritt nunmehr ein wenig nachdenklich und verdrossen unter wehenden Birkenzweigen und rauschenden Eichen durch das stattliche Herzogtum Uelzen.

Bald schon wieder stand ihm der Sinn nach neuen, tollen Streichen und weder der fröhlich duldeten Heidelerche achtend, noch dem munteren Zirpen der Grillen lauschend, sann er während seines Rittes jetzt eifrig darüber nach, wie er es wohl anstellen könne, einen neuen, wohlgefüllten Geldbeutel zu erlangen. Unter solchen Gedanken erreichte er die Tore von Uelzen und verdingte sich dort eilends einem Bäckermeister, welcher gerade einen Bäckerknecht suchte. Der Meister, von Natur wohl ein wenig geizig und nicht allzu humorvoll gesonnen, trug ihm kurzerhand auf, das bereitgestellte Mehl zu "beuteln" (d.h. das Mehl durch einen Beutel sieben, damit nichts Grobes und Unreines mit in den Teig gerät), denn schon im Morgengrauen sollte alles zum Backen vorbereitet sein.

"Mit Freuden", antwortete Till, "nur, wollet ihr mir nicht ein Talglicht geben, auf daß ich beim Beuteln besser sehen kann?" "Ich denke nicht daran", erwiderte der Bäcker unwirsch, "denn ich sehe nicht ein, weshalb nicht auch du in den Mondschein beuteln kannst, so wie all meine anderen Gesellen es taten." Damit verließ er das Backhaus und schritt gähnend hinüber ins Schlafgemach zur Meisterin, welche sich gerade eine mächtige Nachthaube über ihre spärlichen grauen Zöpfchen stülpte.

Eulenspiegel aber füllte eifrig den Beutel voll schönen weißen Mehls und schritt munter vor sich hinpfeifend damit hinaus auf den Hof, der im matten Schein des verständnisvoll grinsenden Vollmondes lag und beutelte das Mehl, getreu der Anweisung seines Meisters, auf das holprige Pflaster. Dabei stets dem gemächlich weiterrückenden Mondschein folgend, hatte er so bald das ganze Geviert der Hofstelle weiß gepudert.

Als der Bäckermeister mit dem ersten Hahnenschrei unmutig und verschlafen in die Kühle der Morgendämmerung hinaustrat, fand er zu seinem Entsetzen Till immer noch mit dieser seltsamen Arbeit beschäftigt vor. "Was zum Teufel treibst du da für Narrheiten mit meinem teuren Mehl", schrie er wild. "Dasselbe, was ihr mir befohlen habt", entgegnete Eulenspiegel freundlich und mit einem Augenaufschlag. "Ach Gott, beim Mondschein, aber doch nicht in ihn solltest du beuteln", wimmerte der Meister kläglich, sein feines, weißes Mehl traurig betrachtend.

"Beides ist geschehen, Meister, beides", versette Till fix, "ich habe in und beim Mondschein gebeutelt. Sollte ich euch aber falsch verstanden haben, so will ich das Mehl jetzt schnell wieder zusammenkehren. Ich denke, wir können aus ihm immer noch recht schöne dunkle Honigkuchen backen." "Bist du des Teufels?" brüllte der Bäcker zornrot, "es scheint, du willst mir die Stadtknechte auf den Hals jagen, und überhaupt, bis du das Mehl aufgekehrt hast, wird es viel sein zum Backen." "Nie," lächelte der Narr weise, "ist es zu spät, solange man noch vor den anderen da ist. Ich will schon dafür sorgen, daß der Nachbar nicht eher zum Backen kommen kann als wir. Hat er auch seinen Teig bereits schon fertig in der Molle liegen, so bin ich doch erbötig, ihm diesen fortzuholen und als Ersatz unser hübsch gesprengeltes Mehl in seinen Trog zu schütten." "Mir scheint", stöhnte der Meister, "du willst mir mit deinen gottlosen Reden jetzt gar den Leibhaftigen in mein ehrbares Haus locken. Mach, daß du fortkommst, und", setzte er unbedacht einen damals üblichen Fluch hinzu, "geh' zum Galgen und bringe einen Dieb heim." Konnte er ahnen, der Unglückliche, daß der unverbesserliche Till nach genau einer Stunde wieder mit einem klappernden Gerippe zur Backstubentür hereinspaziert kommen würde, um den unheimlichen Gast geradewegs vor dem schreckensbleichen, nach Atem ringenden Meister aufzubauen? Als dieser sich dann endlich aus seiner Erstarrung gelöst und händeringend zum Bürgermeister gelaufen war, Till, der solcherart seiner Herren Gericht bestohlen, zu verklagen, da hatte der Schalknarr den Türmchen von Uelzen bereits schon den unverwüstlichen Rücken gekehrt. Pfeifend und singend ritt er der Stadt Lüneburg entgegen, freilich, ohne die so dringend benötigten Taler, die er sich in Uelzen zu "verdienen" gehofft hatte, erlangt zu haben.

Quelle: Helga Fischer-Wahrenholz: Till beutelt in den Mondenschein. In: Der Heidebote, Nr. 35 vom 9. Dezember 1949, S.14.
Die Sagen der Lüneburger Heide wurden von
Etta Bengen gesammelt und für SAGEN.at zur Verfügung gestellt.
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