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Die steinerne Braut aus Wildeshausen

Nach einer schauerlichen Nacht,
Die Gretchen voller Kummer
Mit Angst und Seufzen zugebracht,
Entfernt vom sanften Schlummer,
Fiel sie am Morgen kraftlos hin
Auf ihre Knie, des Vaters Sinn
Und Felsenherz durch Flehen
Für sich gerührt zu sehen.

Den reichen Jürgen soll sie freyn,
Nach ihres Vaters Willen.
Die Hochzeit soll schon heute seyn.
Sie seufzt zu Gott im Stillen;
Denn ach! wie groß war ihre Noth!
Viel leichter dünkt ihr selbst der Tod;
Wie konnt ihr Herz ihn lieben, -
Es war nicht frei geblieben.....

Wie groß, wie groß war Gretchens Schmerz!
Sie sollte nun vergessen
Den Conrad, der ihr ganzes Herz
So lange schon besessen.
Sie liebten sich als Kinder schon,
Und hofften treuer Liebe Lohn
Und ihrer Eltern Segen

Und Glück auf allen Wegen.
Und ach! er war so fromm und gut,
Er war ihr so ergeben;
Ihr schlug sein Herz, ihr wallt' sein Blut,
Ihr hört' sein ganzes Leben.
Sein Wuchs war schlank,
blond war sein Haar;
Das ganze Dorf nannt' ihn sogar
Den schönen Conrad Betchen,
Und neidete sein Mädchen.

Hört, was für ihn das Schlimmste war;
Sein Vater machte Schulden.
Nach seinem Tode hatt' er baar
Noch circa vierzig Gulden;
Das Haus war alt, der Hof war klein;
Er meinte: wirst du Gretchen freyn,
Fromm, fleißig mit ihr leben,
So wird Gott Segen geben.

Doch, der Geliebten Vater war
Dem Wucher ganz ergeben,
War wüst und wild, und konnte gar
In Frieden niemals leben.
Sein ganzes Streben ging dahin,
Daß alles stets nach seinem Sinn,
Nach seinem Kopfe ginge,
Und alles ihm gelinge.
Als nun der reiche Jürge kam,
Um Gretchens Hand zu werben,
Da nahm er gleich den Vorschlag an,
Und nannt' ihn seinen Erben.
Nicht fragt' er erst das gute Kind:
wie bist du gegen ihn gesinnt?
Kannst du dein Herz ihm geben,
Und mit ihm glücklich leben?

Du sollst mir, sprach er, Jürgen freyn!
Das ist mein ernster Wille;
Mit ihm nur kannst du glücklich seyn,
Denn er hat Geld in Fülle;
Er hat an hundert Scheffel Land,
Und Haus und Hof in gutem Stand;
Auch hat er schöne Weide
Und Schafe auf der Heide.

Der Freier war aus Münsterland,
Nicht fern von Wildeshausen
Als reicher Schlemmer wohlbekannt,
Pflegt er umher zu sausen;
Einst kam er auch nach Knethen hin,
Da sah er Gretchen, und sein Sinn
War gleich auf sie gefallen;
Denn sie war schön vor Allen.

Bei seinem Reichthum stolz und dumm,
Verstand er nicht zu lieben;
Er sah nach Gretchen sich nicht um,
Fragt' nicht nach ihren Trieben;
Die, dacht' er, wird sich herzlich freun!
Was will sie mehr, um froh zu seyn?
Wie wird sie sich ergötzen
Ob allen meinen Schätzen!

Das gute Mädchen dachte nur
An Conrad, nicht an Schätze;
Sie folgte traulich der Natur;
Was ihr das Herz ergötze,
Das, meinte sie, sey mehr werth,
Als was der Reichthum je bescheert;
Es könnten seine Gaben
Ja doch das Herz nicht laben.

Zum Vater ging sie weinend hin;
,,Laßt mich doch glücklich leben!"
Sprach sie, ,,und ändert Euren Sinn,
An Jürgen mich zu geben.
Ich will auch gern bei Pflicht und Fleiß,
Bei saurer Arbeit und im Schweiß
Euch kindlich gut begegnen,
Und Gott wird Euch drob segnen!"

Unbiegsam war des Vaters Herz:
Er hatte kein Erbarmen;
Er sah nicht auf des Kindes Schmerz,
Und warf aus seinen Armen
Sie wütend oft zur Erde hin,
Wenn sie so seinen harten Sinn
Durch Thränen und durch Zittern
Wol suchte zu erschüttern.

Vier Monden waren nun entflohn
Für sie in bittern Schmerzen;
Der Tod, der Tod, der nagte schon
Am Körper wie am Herzen;
Sie schleppte abgehärmt sich hin,
Und sah mit hoffnungsvollem Sinn
Von ihren Erdenleiden
Auf zu des Himmels Freuden.

Der Tag der Hochzeit nah'te sich
Mit allen seinen Schrecken:
o möchte doch die Sonne mich
Zur neuen Qual nicht wecken!
So flehte sie die letzte Nacht,
Verzweifelnd ward sie hingebracht;
Gebet und Klag und Jammer
Ertönt' in ihrer Kammer.

Früh wagte sie den letzten Sturm
Auf ihres Vaters Herzen.
Ach! sprach sie, Gott gönnt ja dem Wurm
Im Staube keine Schmerzen;
Drum seyd doch väterlich gesinnt
Und tödtet nicht eu'r eigen Kind!
Habt ihr denn kein Erbarmen,
Mein Vater, mit mir Armen?

Seht nur mein blasses Angesicht
Und meiner Glieder Beben;
Verstoßet eure Tochter nicht!
Für euch nur will sie leben.
Conrad ist ja, - hier faßt er sie
Und flucht, und schwor, sie solle nie
Des Buben Namen sprechen;
Er werd' es furchtbar rächen.

Da bebt sie von dem Vater fort,
Und wankt mit nassen Blicken
Zu ihrem stillen Thränenort,
Zum Fest sich anzuschicken.
Wie klagt sie bei dem Myrthenkranz
Und bei des Knistergoldes Glanz:
Ach, hätt ich nur im Grabe
Den Schmuck zur letzten Gabe!

Die bunten Bänder flattern schon,
Es jubeln froh die Gäste;
Der schmetternde Trompetenton
Ruft überall zum Feste.
Die Stunde kam; der Zug begann;
Im schnellen Laufe ging es dann,
Fort ging es über Heide,
Durch Feld und Wald und Weide.

Bald mußte Jürgen's Wohnort sich
In dunkler Ferne zeigen;
Da seufzte Gretchen:,,säh' ich dich
Doch nie! nie deine Reigen!
Ich werde wie des Altars Stein
So kalt und so gefühllos seyn.
D, würd' ich hier zum Steine,
Wo ich so kraftlos weine!"

Der Zug ging einen Berg hinan;
Schon war der Thurm zu sehen,
Und alles schrie: juchhe, juchhan!

- Doch, Gott! was wird geschehen?
Aus einer dunklen Wolkenhüll
Hört man entsetzliches Gebrüll
Der Berg fing an zu beben,
Die Erde sich zu heben.

Es saust' und braus'te fürchterlich
In Lüften und in Schlünden;
Es hob und rollt' und wälzte sich
Auf Bergen und auf Gründen.
Es blitzt' und tobte überall;
Man hört Geheul und dumpfen Schall,
Und alles sah man beben,
Und rang mit Tod und Leben.

Schwarz, düster war es rings umher,
Und Wolkenbruch und Schlossen,
Die wälzten sich in Lüften schwer
Und wurden ausgegossen;
Gesichter sah man hier und da;
Gestalten huschten fern und nah;
Sie tobten in den Lüften,
Und heulten aus den Grüften.

Doch plötzlich ward es todtenstill;
Kalt fährt's durch Aller Glieder;
Man hörte ferner kein Gebrüll
Kein dumpfes Toben wieder.
D Wunder, Wunder! was geschah?
Was ists, was sieht man staunend da?
Wie? Gretchen gar verwandelt,
Die man so mißgehandelt?

Vom Nacken war sie bis zum Bein
Wie um und um begossen,
Starr und gefühllos kalt zu Stein,
Den Kopf nur ausgeschlossen;
Und Alle stunden rings herum,
Als wär'n auch sie versteinert, stumm.
Dumpf sprach sie dann die Worte,
Wie her von fernes Orte:

Ich ward zu Stein; einst war ich's nicht,
Drum konnt ich Lieb empfinden.
Gott führet mich nicht ins Gericht;
Ich soll ihn gnädig finden!
Ihr Eltern, hört, befolgt den Rath,
Ihr seyd gewarnt durch diese That.
Laßt euch nicht so bethören,
Der Kinder Glück zu stören!

Darauf verschloß sich auch der Mund,
Was weiter noch geschehen. -
Kurz! Gretchen ist bis diese Stund
Als Braut von Stein zu sehen.
Der Bauer, der vorübergeht,
Ist durch die That gewarnt, und steht
Erstaunt und gläubig stille,
Seufzt aus der Herzens Fülle.

Quelle: Pastor J.G.T. Lamprecht: Die steinerne Braut, in: Der Philosoph in der Lüneburger Heide, Celle und Lüneburg 1801, S 127-138.
Die Sagen der Lüneburger Heide wurden von Etta Bengen gesammelt und für SAGEN.at zur Verfügung gestellt.
© der Zusammenstellung: Etta Bengen