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WIE DIE RABENKULE BEI BONSTORF ZU IHREM NAMEN KAM

Im "Schwarzen Moor" in der Gemarkung Bonstorf bei Hermannsburg war ehedem ein Dreckloch, das die Rabenkule genannt wurde. An dieses Loch, das verschwunden ist, knüpft sich folgende Sage:

Vor Zeiten war in Hetendorf bei Bonstorf eine Häuslingsfrau, die war Witwe und hatte einen Sohn. Als dieser herangewachsen war, schickte die Mutter ihn zu einem Bauern des Dorfes. Anfangs führte er sich gut, doch nach und nach besuchte er seine Mutter immer seltener; auch hatte sein Brotherr manches an ihm zu Tdeln und drohte schließlich mit Entlassung. Als die Mutter ihn unter Tränen bat, sich zu bessern, hatte er trotzige Worte und ging ohne Abschiedsgruß fort.

Nach einigen Wochen kam er um die Mittagszeit, um sein Sonntagszeug zu holen. Er wollte mit anderen jungen Burschen auf den Jahrmarkt gehen. Die Mutter bat ihn, nicht zu viel zu trinken, und sagte: Denke an deinen Vater, nimm ihn zum Vorbild! Da brauste er auf: Ich bin kein Kind mehr; ich tue, was ich will! Und auf dem Markte will ich gehörig trinken, um zu zeigen, daß ich auf die Ermahnungen eines alten Weibes nichts geb. Dann holte er mit der geballten Faust bzum Schlage aus und verließ trotzig das Zimmer. Geh'nicht fort, rief ihm die Mutter ängstlich nach, ich habe eine so böse Ahnung! Bedenke, daß das Auge deines Vaters auf dich sieht!

Spät abends kehrten die jungen Leute heim. Sie gingen nicht den Kirchweg, sondern über Barnbostel. Der junge Buirsche lallte in seiner Betrunkenheit wiederholt: Ich pfeife auf die böse Ahnung eines alten Weibes. Vater, sieh einmal vom Himmel auf deinen aus der Art geschlagenen Sohn! Der Weg von Barnbostel nach Hatendorf führte an der Eckernwohrt vorbei. Hier hatte die kleine Schar den betrunkenen Burschen noch bei sich. Durch das "Schwarze Moor" führte ein sehr schmaler Pfad, der im Winter schwer zu begehen war. Schon vor dem Moore war der junge Knecht zurückgeblieben, hatte aber auf das Rufen noch geantwortet. Daher kümmerte man sich nicht weiter um ihn. Als er am andern Morgen nich nicht da war, suchte man ihn lange Zeit vergeblich. Erst am Nachgmittag fand man ihn als Leiche in einem Torfloch. Aber entsetzlich zugerichtet war sein Gesicht; denn die Raben hatten ihm beide Augen ausgehackt. So war das Bibelwort in Erfüllung gegangen: "Ein Auge, das den Vater verspottet und verachtet, der Mutter zu gehorchen, das müssen die Raben am Bache aushacken und die jungen Adler fressen." Die Unglücksstelle aber nannte man seitdem "die Rabenkule".

Quelle: Will-Erich Peukert: Niedersächsische Sagen I. Göttingen 1964, S.229-230.
Die Sagen der Lüneburger Heide wurden von
Etta Bengen gesammelt und für SAGEN.at zur Verfügung gestellt.
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