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DIE GRÄFIN MIT DEM EBERZAHNE

Es lebte einst eine Gräfin von Lüchow; einige bezeichnen als solche bestimmt Anna von Nassen, welche mit einem entstellenden Auswuchse, einem sogenannten Eberzahne behaftet gewesen ist. Sie habe nun in die Lande ausrufen lassen, daß sie den Mann ehelichen werde, der mit einem gleichen entstellenden Attribute abnormer Unschönheit begabt sei. Nach langem Harren habe sich endlich ein Edelmann mit dem geforderten Eberzahn zur Brautschau gestellt, und da er sonst einen hübschen Körperwuchs und hohe Mannesschönheit gezeigt, sei die Gräfin wirklich in Liebe zu ihm entbrannt. Lange mit sich kämpfend, habe sie es doch nicht über sich gewinnen können ein so entstelltes Paar sich fortpflanzen zu lassen, und Befehl zur Enthauptung des Freiers erteilt. Aus dem Kopfe habe man dann den Eberzahn auf einem Ambosse herausgeschlagen.

Über dem Portale der alten Burg zu Lüchow nämlich befand sich vor dem großen Brande von 1811, der das Schloß größtenteils zerstörte, ein in Sandstein gehauenes Bild. Die Darstellung zeigte eine Schmiedeesse und einen Amboss, auf welchem ein Schmiedegeselle, einen Totenkopf in der Zange haltend, beschäftigt ist diesen zu verarbeiten. Solcher Arbeit schaut eine Dame, welcher ein langer Eberzahn aus dem Kiefer ragt, zu. Unter dem Bilde standen die Worte:


Wer die Tugend hat bezwungen,
der fürchtet nicht der Bösen Zungen.

Quelle: Will-Erich Peukert: Niedersächsische Sagen I. Göttingen 1964, S.7-8.
Die Sagen der Lüneburger Heide wurden von
Etta Bengen gesammelt und für SAGEN.at zur Verfügung gestellt.
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