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DER ESEL MIT DEN SILBERNEN HUFEISEN

In dem Kreuzgange des Lüner Klosters, dessen Fenstere mit Wappen und anderen Darstellungen nebst Namen aller Geschlechter verziert sind, ist auch das Bild eines Esels zu sehen. Das Tier ist mit einem gefüllten Kornsacke beladen und hebt die mit weißglänzenden Eisen beschlagenen Hufe empor, als wenn es sie zeigen wollte. Dem Bilde liegt folgende Sage zugrunde:

Einst war eine große Mißernte gewesen, und die Kornlieferungen, auf die das Kloster angewiesen war, blieben aus. Die Nonnen hatten fast nichts mehr zu essen. Doch die fromme Äbtissin versammelte sie in gewohnter Weise zum Gebet und ermahnte sie zum Vertrauen auf Gott. Aber das wetter blieb ungünstig, und der Hunger drückte das ganze Land. Da schüttelte manche Nonne hoffnungslos das Haupt und fragte auch wohl die Äbtissin: "Wo ist nun dein Gott, dem du vertraust?" Aber sie blieb still und hoffte auf des Herrn Hilfe und hielt an dem Gebet.

Da brachte man eines Tages nach dem Abendgebet die Nachricht, draußen vor der Tür stehe ein Esel, beladen mit einem Sack Korn, und als man hinkam, wars so. Die fromme Frau zweifelte nicht, daß es die Hilfe sei, um die sie so lange gefleht hatte. Der Sack wurde herabgenommen, geöffnet, und es war schöner gelber Weizen darin. Nun hatte die Not ein Ende. Aber der Esel war währenddessen verschwunden, und niemand wußte, wohin und woher er gekommen war. Das wiederholte sich geradeso an den folgenden Tagen, nu nicht am Sonntage. Da mehrte sich bald die Fülle des Korns auf allen Böden, so daß die Bauern aus der Umgegend und die Bürger aus Lüneburg kamen und in der Not gespeist und erhalten wurden während der ganzen Zeit der Teuerung.

Da sprach die fromme Äbtissin: "Der Herr hat uns erhört, und wir haben ihm gedanket für alle Gnade, die er uns erwiesen hat. Aber sollten wir des treuen Tieres vergessen, das uns die schöne Frucht herzugetragen?" Und sie befahl, daß man am folgenden Tage den Esel festhalte und ihm die Hufe mit Silber belege. Das geschah auch; aber von dem Tage an kam der Esel nicht wieder.

Quelle: Karl Henninger u. Johann von Harten: Niedersachsens Sagenborn, Band 2, Hildesheim 1987, S.87-88. Nach Heinrich Steinvorth.
Die Sagen der Lüneburger Heide wurden von
Etta Bengen gesammelt und für SAGEN.at zur Verfügung gestellt.
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