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187. Die großen Steine bei Groß-Tychow und Burzlaff.

Auf dem Felde von Groß-Tychow, südöstlich von Belgardt, sieht man einen ungeheuer großen Stein, der eben so tief noch in der Erde liegt, als er über derselben zu sehen ist, er ist aber noch neun Fuß hoch; oben ist er ganz platt, und nach Nordwesten steht er schräg in die Höhe. Er ist so groß, daß man vier und funfzig Schritte machen muß, wenn man rund um ihn herum gehen will, und die Fuhrleute sagen, man könne mit einem Wagen mit vier Pferden oben auf seiner Platte umwenden. Ein anderer großer Stein hat früher bei dem Dorfe Burzlaff gelegen, welches eine gute Strecke von Groß-Tychow entfernt ist. Von diesen beiden Steinen erzählt man sich, daß der Teufel sie dahin geworfen habe. Das soll in folgender Weise zugegangen seyn:

Zu Groß-Tychow lebten einmal Herren, die mit dem Teufel einen Pact machen und sich ihm verschreiben wollten. Sie hatten sich schon mit ihm eingelassen. Der Teufel hatte ihnen viel Geld und Gut versprochen, und hatte sie, um richtige Sache mit ihnen zu machen, in einer Nacht nach Zadkow, drei Viertel Weges von Groß-Tychow, bestellt; sie sollten ihn da auf einem großen Steine treffen, der dicht bei dem Dorfe lag. Als aber die abgesprochene Nacht herankam, da wurde den Tychower Herren die Geschichte arg bedenklich, und sie sahen ein, welch eine große Sünde sie gegen den lieben Gott zu begehen vorhätten. Sie ließen daher den Priester zu sich rufen, und vertrauten ihm ihre Noth an, und baten ihn, daß er statt ihrer zu dem großen Steine nach Zadkow gehen, und dem Teufel sagen möchte, die Sache sey ihnen wieder leid geworden. Der Priester war ein frommer und kluger Mann, und er übernahm sich die Sache. Er machte ein Kreuz und bat den lieben Gott, daß der ihm beistehen möge, und dann machte er sich in der bezeichneten Nacht wohlgemuth auf den Weg zu dem Steine. Allda traf er den Teufel schon, der auf die Tychower Herren wartete. Der Geistliche hatte anfangs vorgehabt, dem Bösen geradezu die Geschichte zu erzählen, und ihn aus der Gegend zu bannen. Aber wie er so ganz allein vor ihm stand, so verging ihm doch sein Muth, und er sah ein, daß es besser wäre, zur List seine Zuflucht zu nehmen. Er machte dem Teufel daher allerlei Finten vor, woraus dieser nicht recht klug werden konnte. Damit hielt er ihn auf, und die Zeit verstrich, bis auf einmal der Hahn in Zadkow anfing zu krähen. Da merkte der Teufel, daß er betrogen war, und er warf voll Zornes dem Priester vor, daß die Herren von Tychow ihn betrügen wollten. Der Priester hatte aber jetzt Muth bekommen, und er sagte dem Andern geradezu, daß die Herren in sich gegangen wären und nichts mehr mit ihm zu thun haben wollten. Darauf sah sich der Teufel wild um, und er wurde ganz grimmig und toll, und zuletzt nahm er den großen Stein auf, auf dem er gestanden, und warf ihn hoch durch die Luft, um die Herren in Tychow damit todt zu schmeißen. In seinem Eifer war er aber ungeschickt, und der Stein fiel in zwei Theile. Der eine kam bei dem Dorfe Butzlaff zur Erde, eine halbe Meile weit von Zadkow, das größere Stück aber fiel eine Viertelmeile weiter hin, dicht bei Groß-Tychow.

Der Stein bei Tychow liegt noch jetzt; das Stück, das bei Butzlaff niederfiel, ist aber nachher von einem Bauern genommen, der sich eine Scheunendiele davon gemacht hat. Das große Loch, worin der Stein bei Zadkow gelegen, ist daselbst noch jetzt zu sehen; es heißt die Fundelkuhle.

Einige Leute erzählen die Geschichte von den beiden Steinen anders. Der Teufel soll sich nämlich den großen Stein bei Zadkow in einem Sacke haben holen wollen. Weil der Sack aber ein zu enges Loch hatte, daß der Stein nicht hinein konnte, so mußte er diesen entzwei brechen. Dabei hielt er sich nun zu lange auf, und der Hahn fing gerade an zu krähen, als er fertig war, und den Stein in dem Sacke auf den Nacken nahm. Da fing er an gewaltig zu laufen, aber darüber riß der Sack entzwei, und er verlor das eine Stück von dem Steine bei Butzlaff, und das andere auf dem Felde zu Tychow.

Man glaubt auch, daß unter diesem Steine der alte heidnische Götze Triglaff aus purem Golde liegen soll. Die Heiden sollen ihn, zur Zeit des Bischofs Otto, von Julin dahin gebracht haben. Oder aber, wie wieder Andere behaupten, soll ein Edelmann aus Triglaff, wohin der Götze zuerst gekommen war, ihn dahin gebracht haben. Als derselbe nämlich einmal mit anderen Edelleuten Krieg führte, hatte er den Götzen mitgenommen, und wie ihm die Feinde nun hart aufs Leib gingen, soll er ihn unter dem großen Steine bei Tychow vergraben haben, um ihn im Streite nicht zu verlieren.

Baltische Studien, II. 1. S. 168.
Acten der Pomm. Gesellschaft für Geschichte.

Die Volkssagen von Pommern und Rügen, J. D. H. Temme, Berlin 1840, Nr. 187