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Die Gründung Berlins

Wo früher in Berlin(-Cölln) die Petrikirche stand, da ragte einst auf einem Sandhügel ein wendischer Tempel auf, der dem dreiköpfigen Gott Triglav geweiht war. Rings um das Heiligtum standen auf der von den beiden Spreearmen gebildeten Insel ein paar armselige Fischerhütten. Das ist der Anfang unserer Hauptstadt gewesen. Wie neben dem alten Cölln Alt-Berlin (jenseits des Mühlendammes) gegründet wurde, das erzählt die Sage:

Albrecht der Bär, der erste Markgraf, hatte sich auf der Jagd im Sumpfland der Spree verirrt. Er war von seinen Jagdgenossen abgekommen und sah sich schon der Notwendigkeit gegenüber, im Walde zu übernachten, als er nach der Spree hinüber ein Licht flackern sah. Er folgte dem Schein und kam bald an einen im Wasser errichteten Pfahlbau, zu dem man nur über einen schmalen Steg gelangen konnte. Er pochte ans Hürdentor, und ein Knecht ließ ihn ein.

Der führte ihn in einen von Kienspänen erhellten Raum, wo der Besitzer der Ansiedlung auf einem Bärenfell saß. Dieser grüßte ihn nach wendischer Art und fragte, was sein Begehr sei. -Albrecht antwortete, dass er von seinen Gefährten abgekommen sei und um ein Nachtlager bitte. Er gab sich aber nicht als Fürst der Landes zu erkennen. - Der Wende antwortete: "Du bist zwar ein Christ, doch weiß Rudolf von Stralow, auch diesen gegenüber Gastfreundschaft zu üben. Hier hast du einige Fische; dort auf dem Fell findest du einen Platz zur Ruhe!" - Albrecht, der die Gebräuche der Wenden kannte, forderte aber Salz und Brot, um es mit dem Wenden gemeinschaftlich zu essen; denn nur dadurch wurde er zum Gastfreund und sicherte sein Leben. Rudolf von Stralow gab beides ungern; aber er gab es doch. Und so konnte sich Albrecht beruhigt niederlegen.

Doch er kam nicht zur Ruhe. Es war viel Leben und Bewegung im Haus. Knechte kamen und gingen, bis endlich einer Rudolf von Stralow meldete: "Es ist alles bereit!" Da stand dieser auf und rüstete sich zum Ausgang. - Da war aber auch Albrecht auf den Beinen und fragte: "Wohin willst du?" - Der Wende wollte es ihm nicht sagen, bis ihn der Markgraf darauf aufmerksam machte, dass er sein Gastfreund sei. - Da bequemte sich Rudolf dazu, ihm zu berichten, dass er zu einem Triglavfest wolle. - Albrecht forderte: "So nimm mich mit!" - Der Wende konnte es ihm als seinem Gastfreund nicht abschlagen, doch hüllte er ihn zuvor in einen Wendenpelz.

So bestiegen sie den Kahn, der am Wasserausgang ihrer harrte. Rasch ging die Fahrt spreeabwärts, und unterwegs gesellten sich ihnen mehr Kähne zu. Dort, wo die Spree sich teilte, stiegen sie aus, um zum Triglavtempel auf sandiger Höhe emporzusteigen. Dumpfes Gemur-mel schlug ihnen am Eingang entgegen: Der Tempel war voll von Wenden.

Albrecht sah sich um. Im Hintergrund gewahrte er einen großen Vorhang, hinter dem ein seltsames Gestöhn hervortönte. Da schritt die weiß gekleidete Priesterschar herein und begann die Anrufung des dreiköpfigen Gottes. Immer wilder und lauter wurde ihr Schreien. Als ihr wildes Rufen den Höhepunkt erreicht hatte, wurde der Vorhang aufgerissen, und Albrecht sah, wie sie aus Weidengeflecht ein Abbild ihres Gottes errichtet hatten. Das ganze Innere Triglavs war angefüllt mit gefangenen Christen, die nun als Brandopfer dargebracht werden sollten. Der Oberpriester schritt auf den darunter aufgeschichteten Holzstoß zu und entzündete ihn. Schon zückte Albrecht sein Schwert, um seine Glaubensgenossen zu befreien. Doch Rudolf von Stralow zog seinen Gastfreund schnell in die finstere Nacht hinaus, um ihn vor dem sicheren Tod zu bewahren.

Schweigend ging die Fahrt zum Pfahlbau zurück. Als sie aber dort angelangt waren, drangen harte Worte aus Albrechts Mund: "Ein Bärlyn (Bärlein) will ich in den Sumpf da setzen; das soll die Wenden zusammentatzen, dass kein Christ mehr zu brennen braucht!" -Erstaunt sah der Wende seinen Gast an: "Du sprichst stolze Worte voll Herrengeist! Wer bist du?" - "Kennst du mich nicht? Ich bin Albrecht, den sie den Bären nennen. Mein Bärlyn soll im Wendenlande herrschen und seine Tatzen weit auf Sumpf und Sand pranken! Doch Stralow soll besonderen Schutz genießen, weil es mich beherbergt hat. Nur der erste Fischzug gehöre dem Fürsten!"

So - erzählt die Sage - entstand neben dem wendischen Cölln das deutsche Bärlin (Berlin); und lange haben die beiden Städte nebeneinander bestanden, bis sie vereinigt wurden.

Quelle: Siegfried Armin Neumann, Berlin, Sagen und Geschichten, Schwerin 2004, S. 9 - 11.