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DIE SCHRAZEN

Nach dem Glauben der Alten waren die Schrazen Waldgeister. In manchen Gegenden aber scheint man das im Laufe der Zeit vergessen zu haben und man verwechselte und vermengte sie schließlich mit den Elben und Zwergen, besonders aber auch mit den Kobolden, jenen bienenemsigen Hausgeisterlein. So mag es gekommen sein, daß man um Rimbach heute noch von den Schrazen spricht, die in unterirdischen Gängen beim Aignhof und Götzlhof gelebt haben sollen. Die Sage erzählt, diese Schrazen seien den Leuten in allem behilflich gewesen, hätten überall zugegriffen, wo eine Arbeit noch unvollendet war und hätten keinerlei Lohn beansprucht. Nach altem Herkommen stellte man ihnen in der Hl. Nacht zum Danke für ihre Liebe und Hilfe eine große Schüssel geschmalzenen Breies auf den Herd, den sie jedesmal vollständig aufaßen. Der Volksmund weiß, daß sich die Schrazen nicht gerne beobachten ließen. Die Götzlhofbäuerin wußte das auch; aber sie konnte der Versuchung nicht widerstehen, ihre kleinen Freunde zu belauschen und zu beobachten. Ein Astloch in der Kammertür gab ihr hiezu Gelegenheit. Durch dasselbe sah sie einmal den Geisterlein zu, wie sie kamen und gingen, lachten, scherzten und schafften; dabei fiel ihr auf, daß manche Schrazen recht dünne, abgetragene Röckchen und zerschlissene Höschen anhatten. "Wir sind doch recht undankbare Leute!" dachte die Bäuerin in ihrer Herzenseinfalt und nahm sich vor, den Schrazen neue Kleider zu machen. Sie kaufte graues Tuch für die Höschen und rotes für die Jöpplein. Am nächsten Weihnachtsabend kochte sie eine doppelte Ration Brei, so gelb und saftig, daß einem der Mund ordentlich wässerte, wenn man den Duft davon in die Nase bekam und stellte ihn vor dem Schlafengehen auf den Tisch. Die Kleidchen legte sie auf die Bank. Dann versteckte sie sich wieder hinter der Tür und guckte durch's Astloch in die Stube. Sie freute sich schon im Stillen auf die freudigen Gesichter der Schrazen, ihr Lachen und Jubeln beim Anblick der Geschenke. Aber wie ward sie getäuscht! Der erste der in die Stube huschte, nahm ein Röckchen in die Hand, lächelte wehmütig und rief mit tränenden Augen: "man hat uns abgelohnt. Jetzt können wir wandern!" Dann nahmen auch die übrigen ihre Kleidchen und verließen jammernd und weinend Stube, Haus und Gegend, um nie mehr wiederzukehren.

Michael Waltinger, Niederbayerische Sagen