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DIE ENTSTEHUNG DES LUSEN UND SEINER STEINKAPPE

Im Bayerischen Walde wie im Böhmerwalde, lebten einstmals Riesen. Auf dem Reichenstein in Böhmen hatte einer derselben ein gar starkes und prächtiges Schloß. Er besaß aber auch ein reizendes Töchterlein. (Ich weiß nicht, ob man bei Riesentöchtern die Verkleinerungssilbe anwenden darf) Dasselbe ging nun einmal in den Waldungen seines Vaters spazieren. Mit Unwillen gewahrte es die vielen Steinblöcke und Felstrümmer, welche ganze Flächen bedeckten und es auf seinem Gange hinderten. Rasch entschlossen hob es seine Schürze auf und fing an, einen ganzen Berg von Felsstücken einzulesen. Es wollte dieselben aus dem Reiche seines Vaters fort und in das benachbarte Bayern tragen. Auf dem Wege rissen ihm aber die Schurzbänder und die Steine kollerten zu Boden. Das geschah hart über der Grenze bereits auf bayerischem Gebiete. Die Riesenmaid wollte die Schurzbänder wieder zusammenbinden; nun aber waren sie leider zu kurz und so mußte sie die Steine liegen lassen. "Was schadet es auch?" sprach sie. "Der Steinhaufen gibt gerade eine schöne Grenzmark." Daraus ward der Lusen.

Als die Riesentochter heiratete, erbaute ihr der Vater auf dem Gipfel des Lusen eine hohe Burg und gab ihr zum Geleite einen Schutzgeist mit, der seine Behausung in einer Höhle des Berges aufschlug. Die Riesentochter lebte mit ihrem Gemahl in Saus und Braus und ihr größtes Vergnügen war, nach Menschenkindern zu jagen und sie bei ihren wilden, ausgelassenen Gelagen grausam zu Tode zu martern. Oft erschien ihr der Schutzgeist und warnte sie, allein vergebens. Sie trieb es immer toller. Einmal gab sie wieder ein Festgelage. Um sich und ihre Gäste zu ergötzen, hatte sie ein Dutzend Menschen einfangen lassen, die sie unter dem tosenden, rohen Gelächter der Anwesenden peitschen ließ, bis sie ihr Leben aushauchten. Da ertönte plötzlich ein furchtbarer Donner; das Schloß erzitterte in seinen Grundfesten und stürzte mit schrecklichem Krachen in sich zusammen, alles begrabend. Mit zornsprühenden Augen erschien der Schutzgeist auf dem Trümmerfelde und verfluchte die Stätte, die noch heute öde und unfruchtbar ist.

Michael Waltinger, Niederbayerische Sagen