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Die Zerstörung des Klosters Tegernsee
Schon 200 Jahre nach seiner Gründung um 746 hatte das Kloster Tegernsee
Anfang des 10. Jahrhunderts eine bedeutende wirtschaftliche und kulturelle
Blütezeit erreicht. Durch Rodungen und Zuerwerb - vielleicht, weil
es sich unter dem Krummstab des Abtes besser leben ließ als unter
dem Zepter der kriegerischen, weltlichen Herrscher - soll das Kloster
damals 12000 Höfe, 22 Siedesalzpfannen in Reichenhall und Weingüter
in Südtirol und in der Wachau besessen haben. Die Wissenschaften
und Künste, darunter besonders die Schreibkunst mit der Buchmalerei,
standen in hoher Blüte und hatten europäische Geltung erreicht.
Da erstand bei der allgemeinen Schwäche und Zerstrittenheit der deutschen
Landesfürsten in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts aus
dem Osten eine übermächtige Gefahr. Ungarische Reiterscharen
stießen auf ihren Raubzügen immer wieder bis weit nach Westen
vor. Sie überrannten und brandschatzten alles, was ihnen in die Hände
fiel. Nach der Niederlage bei Preßburg 907 und der Schlacht auf
dem "Mordfeld" bei Neuötting 908 stand ihrem Ansturm kein
nennenswerter Gegner mehr gegenüber.
Was lag näher, als daß die wilden, bunt zusammengewürfelten
Reiterhaufen aus Resten von Hunnen und Awaren, aus den Madjaren der unteren
Donau- und Theißebene zu ihrem Vormarsch die alte, noch lange intakte
Römerstraße benutzten, statt sich durch undurchdringliche Wälder
und Sümpfe, wo es ohnehin nichts zu holen gab, durchzuschlagen.
Es kann als sicher gelten, daß sie in unsere Voralpenlandschaft,
wo also die bäuerlichen Hintersassen des Klosters siedelten bis in
die Gegend um das spätere München hinein, auf der antiken römischen
Straße vorgerückt sind: von Salzburg (Juvavum) über Seebruck
am Chiemsee (Bedaium) nach Augsburg (Augusta Vindelicum). Die mächtige
Fluchtburg bei Kleinhöhenkirchen im Mangfallknie mit gewaltigen Erdwällen
stammt aus der Zeit der Ungarneinfälle. Die Fentbachschanze bei Weyarn
und die 13 Keltenschanzen im Vorland, wie die bei Endlhausen, Holzhausen
und Deisenhofen, sind wohl 1500 Jahre älter.
Um die raubgierigen Horden bald wieder los zu werden, kann es leicht möglich
gewesen sein, daß die ausgeplünderten und erpreßten,
dem Kloster leibeigenen Untertanen, die nach Tegernsee den un geliebten
Zehnten und die verhaßten Frondienste leisten mußten, dort
an der großen Heeresstraße etwa bei Hofolding oder Helfendorf
denen eine Andeutung gegeben haben. Etwa so: "Nur 4 oder 5 Reitstunden
südlich von hier liegt an einem See ein reiches Kloster mit ungeheuren
Schätzen, mit Bergen von Gold und Silber!"
So sank das frühe Kloster Tegernsee in Schutt und Asche. Wir wissen
nicht, was an unersetzlichen Handschriften, an althochdeutschem Schrifttum,
an germanisch-bajuwarischen Chroniken, an vorchristlicher Dichtung, an
Kunstwerken aller Art damals endgültig durch diese Barbarei verloren
gegangen ist. Was sich von den Bewohnern nicht rechtzeitig in einsame
Bergtäler oder mit einem Einbaum auf den See hinaus retten konnte,
wurde niedergemacht.
Endlich stellte König Otto der Große und der Bischof Ulrich
den fremden Reiterscharen eine starke Heeresmacht entgegen und schlug
sie vernichtend auf dem Lechfeld im Jahr 955. Lange dauerte es, bis sich
das Kloster Tegernsee wieder erholte. Dazu kam noch, daß der bayrische
Herzog Arnulf (von den Klostermönchen "der Böse" genannt)
auch Tegernsee um 925 säkularisierte und ihm zur Stärkung der
Staatsmacht den größten Teil seines Landbesitzes abgenommen
hatte.
Quelle: Tegernseer Sagen aus dem Kulturraum der ehemaligen
Benediktinerabtei Tegernsee (746 - 1803), Sepp Mohr, Hausham 1985
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