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Der Waizenhund
Der Irgä ( = Georg) ist Knecht droben im Lieberhof am Großtegernseer
Berg. Heute am Kirta-Irta (= Kirchweihdienstag), an dem halben Bauernfeiertag
ist er mit einem Ruderboot herüber gekommen nach Altwiessee, um sein
Basel zu besuchen. "Daß d' net in d' Nacht neikommst, jetzt
werd's schon so bald dunkel! Eine halbe Stund brauchst leicht über'n
See nach Tegernsee nüber, daß di' net verfehlst im Finstern,"
sagt die Base, "und Überhaupts soll bei Vollmond der Waizenhund
wieder umgehen!"
"Ja, Vollmond ist's heut und windstaad (=windstill) ist's auch, da
kann mir ja gar nix fehlen beim Heimfahren heut", so sagt der Irgei.
"Daß ich nicht lach wegen dem schiachen ( = abscheulichen)
Hundsviech, dem hau ich gleich eine nauf mit'm Ruder auf'n Schädel,
daß er sich schleicht und überhaupt glaub ich an sowas durchaus
gar net. Und z' Tegernsee drüben geh ich heut noch auf d' Tanzmusi
in die Alte Post!"
Der Irgä geht jetzt hinunter zur Schiffhütte, steigt in das
flache Holzboot, ein sog. Bauernschiff, ein. Jetzt hängt er die Ruder
ein und macht damit den ersten Schlag ins seichte Wasser.
Da kommt aus dem dichten Schilf mit einem mächtigen Satz ein riesengroßes,
finsteres Vieh hereingesprungen ins Boot, daß es noch eine Zeitlang
schwankt. Es ist ein Hund mit zottigem schwarzen Fell, mit langen Krallen
an den starken Tatzen; das Maul ist offen, daß man die langen Reißzähne
und das ganze G'waff (das ist das Gebiß) im Mondlicht blitzen sehen
kann. Das Schrecklichste aber sind seine Augen: sie glühen rot und
sind bösartig. So setzt er sich dem Burschen, der beim Rudern nach
hinten gegen dieses Untier schauen muß, auf der nächsten Ruderbank
gegenüber und glotzt den Armen ununterbrochen scharf an. Sein heißer
Atem blast ihm pfeilgrad ins Gesicht.
Dem ist das Prahlen vergangen, der kalte Schweiß läuft ihm
hinunter, käsweiß machte er nur mechanisch die Ruderschläge,
hinaus auf den nächtlichen See, nur immer weiter, einmal wird er
schon drüben sein am anderen Ufer! Man hört nur das Knarren
der Ruder, wo sie an den eisernen Steften eingehängt sind, zum angstvollen
Schnaufen des Burschen auch zuweilen ein gefährliches Brummen dazu.
Endlich erreicht er bei Nacht das Ufer. Bis er aussteigt, ist auch der
böse Hund mit einem langen Sprung in die Binsen verschwunden. Es
war der Waizenhund!
Zitternd und mit schlotterigen Knien geht der arme Bauernbursch noch ein
paar Schritte und bricht tot zusammen.
Quelle: Tegernseer
Sagen aus dem Kulturraum der ehemaligen Benediktinerabtei Tegernsee (746
- 1803), Sepp Mohr, Hausham 1985
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