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Die Waizengeiß

Da hinten bei den Mösern und bei der Wechselalm war es nie ganz geheuer. Dort ist ein versumpfter See, in dem es noch düstere Wasserlacken, Dorngestrüpp und einen unheimlichen Urwald gibt. Dieses Hochmoor wird die Waizen genannt. Im Volksmund heißt "waizen" so viel wie geistern, umgehen oder spuken. Kein jagdbares Wild, aber auch keinen Vogel soll es dort gegeben haben. Nur ein seltsames Vogelwesen hat sich dort herumgetrieben, die Waizengeiß genannt. Sie hatte einen großen Kopf von einem Geißbock mit langen, krummen Hörnern und einen Körper wie ein mächtiger Adler. Mit schauerlichem Gekrächze und Gemecker flog sie daher über die Almwiese und schrie dazu "möcht i, möcht i!" Es war die Waizengeiß, im Volksmund "Waizengoaß" gesprochen.

In dieser gemiedenen Gegend mußte eine junge Sennerin allein mit ihrer Viehherde hausen. Einmal hatte eine Kuh "verworfen", d. h. ein Kalb tot zur Welt gebracht. Die Almerin schleppte das verendete Tier zu einem finsteren Wasserloch und warf es in den Tümpel. Da rauschte es um Mitternacht ganz fürchterlich über die Wechselalm hin und die Waizengeiß krächzte schaurig: "s'Kaiwi (=Kalb) aus der Waizen oder z'reiß di in tausend Fetzen!" Das arme Madl zog am nächsten Tag das Kalb wieder ans Land und vergrub es irgendwo im festen Erdreich.

Als die Waizengeiß einmal einen Schwammerlsucher anpacken wollte, warf der mit einem dicken Prügel nach dem unholden Vieh. Sie fiel mit gebrochenem Flügel in einen tiefen Wassertümpel und kam nicht mehr heraus. Spät heimkehrende Wanderer können noch heute ihr lautes Geflatter und Patschen in der Waizen hören.

Quelle: Tegernseer Sagen aus dem Kulturraum der ehemaligen Benediktinerabtei Tegernsee (746 - 1803), Sepp Mohr, Hausham 1985