SAGEN.at >> Traditionelle Sagen >> Deutschland >> Bayern >> Tegernsee

   
 

Wie das Riedersteinkirchlein entstand

Vor vielen Jahren verfolgte ein Jäger eine Bärenspur, die ihn von der Baumgartenschneid zum Riederstein herunterführte. Auf der ehemals kahlen Gipfelplatte dieses jäh abstürzenden Felsenturmes stand er plötzlich einem gewaltigen Bären gegenüber. Ehe ihn das wilde Tier anpacken konnte, riß er seine Büchse in die Höhe und schoß ihm eine Kugel in den Leib. Der Bär wankte, stürzte zu Boden und kugelte über den Rand der abschüssigen Platte hinaus. Unter schrecklichem Geheul fiel das wilde Tier in die schaurige Tiefe hinab. Wie ihm der Jäger nachschaute, verlor er selbst den Halt und stürzte hinter dem Bären nach.

Der lag tot drunten auf dem Waldboden. Das Glück wollte es, daß der Jäger auf den dicken, weichen Pelz des Bären fiel und heil mit Leben und Gesundheit davonkam.

Zum Dank für seine wunderbare Errettung baute er das Riedersteinkirchlein.

*

Nach anderer Lesart hat sich die Geschichte so zugetragen: Der Bauer vom Leeberghof hatte droben auf dem Galaun unter der Felswand des Riedersteins einen schönen Weideplatz (Ga'laun mit betonter Endsilbe
ist vielleicht noch ein räto-romanischer Name; kann aber auch auf bairisch heißen "gache Lahn", d.h. jäher Wiesenfleck). Dort ließ der Bauer gerne seine prächtigen und wertvollen Rappen grasen.

Als er wieder einmal hinaufstieg, um nach seinen Pferden zu schauen, sah er sie zu seinem Schrecken zu höchst droben auf der Spitze des Riedersteins stehen und unruhig umherspringen, wie wenn sie von hinten her von einem gefährlichen Raubtier bedroht würden. Jetzt beugte sich schon das eine Roß gefährlich über den Rand des Felsens hinaus über den Abgrund. Da gelobte der Leebergbauer in seiner Angst für die glückliche Errettung der edlen Tiere dort oben auf der höchsten Felsenspitze, zum Dank der hl. Maria eine Kapelle zu bauen.

Gott erhörte das Gebet, und die Rappen kamen gesund und munter den Waldsteig herunter gelaufen zu ihrem Herrn. Der begann noch im gleichen Jahr mit dem Bau der kleinen Bergkapelle.

Quelle: Tegernseer Sagen aus dem Kulturraum der ehemaligen Benediktinerabtei Tegernsee (746 - 1803), Sepp Mohr, Hausham 1985