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Die Sennerin und die Natternkönigin

Auf einer der 5 Roßsteinalmen nahe am Roß- und Buchstein war jeden Sommer Lisei, die Tochter eines großen Bauern in Lenggries, drüben im Isarwinkel, als Sennerin. Jedermann hat das junge Madl gern gehabt. Sie war freundlich zu Menschen und Tieren. Eine seltsame Freundschaft verband sie aber mit einer Natter, die unter den Bodendielen der Alm hauste. Es war eine große, aber ganz ungefährliche Ringelnatter, von den Leuten Hausotter genannt. Sie soll schon als Kind zu solch einer Natter eine besondere Zuneigung gehabt haben, mit ihr aus einer Schüssel gegessen und die Nudelbrocken mit ihr geteilt haben. Immer, wenn Lisei droben im Stall zu melken anfing, kam die Schlange hervor und die Almerin stellte ihr einen Weitling mit kuhwarmer Milch hin.

Wenn im Herbst das Vieh reich geschmückt ins Tal abgetrieben wurde, ist die kluge Schlange auch bald auf dem Hof aufgetaucht, so wie sie im Frühsommer von selber wieder auf die Roßsteinalm zurück kam.

Als Lisei Hochzeit hatte, sagte sie: "Neugierig bin ich, ob die Natter heut zu meinem Ehrentag kommt. Sie tut keinem Menschen etwas, es braucht sie niemand zu fürchten!" Und richtig, wie die Leute alle beim Mahle sitzen, kommt die Natter zur Türe herein, kriecht zuerst auf den Sessel und dann auf den Tisch. Auf dem Kopf aber trug sie ein goldenes, strahlend schönes Krönlein. Das ließ sie der Hochzeiterin mit hellem Klang in den Teller hineinfallen.

Die Bäuerin aber hatte, so lange sie lebte, Glück und Segen in Haus und Hof.


Quelle: Tegernseer Sagen aus dem Kulturraum der ehemaligen Benediktinerabtei Tegernsee (746 - 1803), Sepp Mohr, Hausham 1985