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Der Bub vom Lieberhof

Die meisten Einwohner des Ortes Tegernsee hatten beim Herannahen der Schweden Haus und Hof verlassen und Schutz hinter den Klostermauern gesucht. Nur wenige blieben in ihren Höfen zurück.

Auch der Lieberhofbauer hoch droben auf dem Großtegernseer Berg harrte mit Weib und Kindern in der Hoffnung auf Gottes Beistand aus auf seinem großen, schönen Hof.

Die Nacht brach herein nach diesem schrecklichen Tag drunten im Ort Tegernsee. Verängstigt und verzagt saß der Hausvater mit seiner Frau und den unmündigen Kindern, von denen das älteste der 12jährige Bub Anderl war, in der schwach erleuchteten Stube um den Tisch beisammen. Der Vater las aus einem alten Gebetbuch mit gedämpfter Stimme das Gebet vor: "Bitte an Gott in schwerer Not und Gefahr".

Da pumperte es mehrmals hart an die Haustüre, und wüste Männerstimmen in einer fremden Sprache verlangten Einlaß. "Vater, laß dich auf keinen Streit und Kampf ein. Gib ihnen alles, was s' haben wollen!" flehte die Mutter, "sonst sind wir alle verlor'n." Kaum hatte der Lieberhofbauer den schweren Riegel an der Türe zurückgeschoben, da drängten sich zwei schwerbewaffnete schwedische Reiter herein. Durch lautes Geschrei und unmißverständliche Gesten verlangten sie Geld und Schmuck und was zum Saufen. Sie durchwühlten alles in widerlicher Gier: Schränke und Truhen, Betten und Kasten. Aber außer ein paar kupfernen Kreuzern in einer Schublade war nichts zu finden. Der Bäuerin, die mit ihren Kindern verängstigt in einer Ecke der Stube stand, riß einer der Kerle den Brustfleck des Miedergewandes mit den Silberknöpfen dran vom Leibe, dem Vater warfen sie einen Strick um den Hals, zerrten ihn über den Flötz (Vorplatz) hinaus vor das Haus und banden ihn unter Stockschlägen und Fußtritten mit einem Heuseil an den hölzernen Brunnenstock.

Jetzt mußte das Ende mit Schrecken hereinbrechen: Jedermann hatte damals schon von den unmenschlichen und grausamen Folterarten dieser vertierten Soldateska mit Schaudern gehört. Zu spät sah jetzt der friedliche Bergbauer ein, daß auch Nachgiebigkeit und Ergebenheit von Anfang an verfehlt war.

Während die Mutter mit den schreienden Kindern kniefällig die unholden Gesellen um Gnade anflehte, gelang es dem größeren Buben, dem Anderl, unbemerkt über die Stiege hinauf auf die Laab'n (d. i. die Altane) zu entkommen. Der Anblick der nun beginnenden Folterungen und die Angst vor dem grausamen Untergang aller steigerten seinen Mut und seine Kräfte ganz gewaltig.

Jetzt schwang drunten der ältere und offensichtlich gefährlichere der beiden Schwedensoldaten seinen Degen über dem Haupt des Vaters. Der Mordgeselle stand gerade unter der Bretterbrüstung der Altane auf dem Platz vor dem Haus. Da hob der Bub blitzschnell die schwere Steinplatte, die noch vom Umdecken des Schindeldaches übriggeblieben dalag, auf und ließ sie dem wüsten Burschen genau auf den Schädel fallen. Der schreckliche Unmensch brach auf der Stelle tot zusammen.

Sein jüngerer Komplize, der wohl jählings an einen geschickt vorbereiteten Hinterhalt glauben mußte, ließ alles, was er hatte, auch den Sack mit eingepacktem Raubgut, liegen und lief in panischem Schrecken so schnell, wie ihn seine Füße trugen, auf und davon, den Weg nach Tegernsee hinunter.

So hat der mutige Bub seinen Vater und sich selbst vor einem schauerlichen Tod, seine Mutter und die kleineren Geschwister wohl noch vor Schlimmerem bewahrt.

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So berichtete der ehemalige Tegernseer Lehrer Ferdinand Feldigl diese Geschichte, wie sie ihm ein sehr alter Mann erzählt hat. Der schöne Lieberhof aber ist im späten 18. Jahrhundert erneuert worden. Er ist immer noch, obwohl er inzwischen ein Wirtshaus geworden ist, ein Beispiel stilechter Tegernseer Bauernhaus-Bauweise geblieben.

Quelle: Tegernseer Sagen aus dem Kulturraum der ehemaligen Benediktinerabtei Tegernsee (746 - 1803), Sepp Mohr, Hausham 1985