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Beim Kreuzzieher
Wenn einer auf dem alten Fahrweg den Wallberg besteigen will, erreicht
der an einer Serpentinenkehre mit schönster Aussicht auf den See
hinunter einen Platz, wo es heißt "beim Kreuzzieher".
Davon berichtet die Sage: Ein strenger und äußerst unbeliebter
Abt regierte vor mehreren Jahrhunderten im Kloster Tegernsee. Von dem
schönen altbaierischen Grundsatz "leben und leben lassen"
wußte er nichts. Er kam von einem fränkischen Kloster der Bamberger
Gegend und war bei aller gezeigten und betonten Frömmigkeit in Wahrheit
kein guter Mensch, sondern voll Hochmut und Herrschsucht gegen seine Untertanen.
Diese mußten unter seiner Regierung so viel Zehent, Zins und Abgaben
entrichten, dazu Frondienste und Scharwerk leisten wie noch nie zuvor.
Alle Leute nannten ihn bloß den "Bauernschinder" und haßten
ihn. "Das waren halt noch Zeiten, als die gutmütigen und gerechten
Äbte wie der Ayrinschmalz, der Stürzenbrigl, auch noch der Guetrather
und der Plaichshirn regierten! Schon an ihren Namen erkennt man's, daß
sie alle Söhne aus baierischen Bauersfamilien waren und das Landvolk
verstanden." So jammerten die Leute.
Auch der Abt spürte allmählich die feindselige Haltung seiner
Untertanen und kriegte es mit der Furcht zu tun. In einem schweren Angsttraum
erschien ihm der Heiland mit dem Kreuz und forderte ihn zur Umkehr und
zur Buße auf.
Da ließ er sich ein großes, schweres Holzkreuz zimmern, um
es zur Buße auf den Gipfel des höchsten Berges am Tegernsee,
auf den Wallberg, zu tragen. Dort, etwa 1000 m über der Talsohle,
sollte es aufgestellt werden, daß jedermann sehen konnte, wie ernst
er seine Besserung nahm und daß er als heiligmäßiger
Mann berühmt werde beim Volk. Von wirklich guten "Werken und
Wiedergutmachung seiner unchristlichen Taten wird nichts berichtet.
So trug dieser ungute Abt sein schweres Holzkreuz mit größter
Anstrengung Schritt für Schritt aufwärts. Am dritten Tag hatte
er noch nicht einmal die Hälfte des Weges zurückgelegt, da brach
er tot zusammen eben an der Stelle, die heute noch nach ihm benannt ist.
Ein Klosterbruder meißelte eine kleine Reliefplatte aus Stein und
stellte sie an einer alten Fichte am Wallbergweg auf. Als der Baum umstürzte,
wurde das Bildwerk, das den kreuztragenden Heiland darstellt, in die Totenkapelle
in Egern gebracht und dort links vom Altar in die Wand eingelassen.
Quelle: Tegernseer Sagen aus dem Kulturraum der
ehemaligen Benediktinerabtei Tegernsee (746 - 1803), Sepp Mohr, Hausham
1985
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