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Der Kaiwiplärrer am Ringsee
Noch im vorigen Jahrhundert soll man bei Einbruch der Dunkelheit und
oft bis tief in die Nacht hinein am Seeufer ein unheimliches Brüllen
oder Blöken gehört haben, wie von einem verirrten Stück
Vieh, etwa einem Kalb (hier "Kaiwi" genannt). Am meisten kam
das Geschrei aus der Gegend um den Ringsee. Aber dazu erzählt uns
die Sage folgendes:
Steuern und Abgaben wurden zu allen Zeiten als drückend und hart
empfunden, auch damals am Tegernsee. So mußte dem Kloster von jeder
Kuh das erste Kalb abgeliefert werden. Ein besonders strenger und unbeliebter
Abt verlangte sogar bei der Heirat des Bauern die schönste Kuh, das
sogenannte Besthaupt, aus dessen Herde. Auch beim Tod des Hausvaters war
auf den Befehl des Abtes das beste Stück aus dem Stall abzuliefern,
also eine Steuer vom Unglück.
In Egern, so wird es überliefert, lebte die Witwe eines armen Kleinbauern
mit sechs Kindern. Die hat eine schöne, junge Kalbin verkaufen wollen.
Aber die Klosterknechte kamen und rissen ihr das gute Stück aus dem
Stall. Das arme Weib rief ihnen in ihrer Not nach: "Euer Abt soll
nach seinem Tod selber als Kalb umgehen und plärren soll er auch
müssen wie ein Kaiwi!"
Die Verwünschung ging bald in Erfüllung. Der hartherzige Mann
starb. In seinem Sterbezimmer ist immer wieder die Fensterscheibe zerbrochen
und in die Steinplatten der Abdruck von einem Kälberfuß eingepreßt
gefunden worden. So oft die Klosterbrüder die Steinplatten erneuerten,
der Abdruck erschien immer wieder. In mitternächtlicher Stunde war
der Klosterhof erfüllt von dem Getrampel vieler Kälber und ihrem
lauten Brüllen. Am ärgsten aber trieb es dieses Gespenst drüben
am Ringsee auf der Straße von Egern nach Wiessee, dort, wo es zum
"Grünen Wasser" heißt.
Ein junger, neugieriger Knecht vom Großbucherbauern, der den Kaiwiplärrer
einmal richtig sehen wollte, ging von einer Hochzeit in Rottach um Mitternacht
heim. Da saß nun diese greuliche Spukgestalt leibhaftig auf einer
Zaunsäule am Weg und plärrte ihn an: Aus einer schwarzen Mönchskutte
schaute ein Kalbskopf; Arme und Beine waren richtige Kälberfüße,
hinten hing ein Kälberschwanz heraus. Das Untier verfolgte ihn, soweit
das Ringseeufer reichte. Der arme Bursche konnte diesem greulichen Gespenst
gerade noch entfliehen. Dann hat er sich mit Mühe nach Hause schleppen
können, wurde krank und starb bald darauf.
Der neue Abt war wieder ein gutmütiger und gerechter Mann. Er verbannte
den bösen Geist in eine gut verschlossene Flasche und setzte sie
auf dem Guffert drüben in Tirol aus, von wo aus er zwar auf den Tegernsee
hereinsehen, aber kein Unwesen mehr treiben kann.
Quelle: Tegernseer Sagen
aus dem Kulturraum der ehemaligen Benediktinerabtei Tegernsee (746 - 1803),
Sepp Mohr, Hausham 1985
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