SAGEN.at >> Traditionelle Sagen >> Deutschland >> Bayern >> Tegernsee

   
 

Der Kaiwiplärrer am Ringsee

Noch im vorigen Jahrhundert soll man bei Einbruch der Dunkelheit und oft bis tief in die Nacht hinein am Seeufer ein unheimliches Brüllen oder Blöken gehört haben, wie von einem verirrten Stück Vieh, etwa einem Kalb (hier "Kaiwi" genannt). Am meisten kam das Geschrei aus der Gegend um den Ringsee. Aber dazu erzählt uns die Sage folgendes:

Steuern und Abgaben wurden zu allen Zeiten als drückend und hart empfunden, auch damals am Tegernsee. So mußte dem Kloster von jeder Kuh das erste Kalb abgeliefert werden. Ein besonders strenger und unbeliebter Abt verlangte sogar bei der Heirat des Bauern die schönste Kuh, das sogenannte Besthaupt, aus dessen Herde. Auch beim Tod des Hausvaters war auf den Befehl des Abtes das beste Stück aus dem Stall abzuliefern, also eine Steuer vom Unglück.

In Egern, so wird es überliefert, lebte die Witwe eines armen Kleinbauern mit sechs Kindern. Die hat eine schöne, junge Kalbin verkaufen wollen. Aber die Klosterknechte kamen und rissen ihr das gute Stück aus dem Stall. Das arme Weib rief ihnen in ihrer Not nach: "Euer Abt soll nach seinem Tod selber als Kalb umgehen und plärren soll er auch müssen wie ein Kaiwi!"

Die Verwünschung ging bald in Erfüllung. Der hartherzige Mann starb. In seinem Sterbezimmer ist immer wieder die Fensterscheibe zerbrochen und in die Steinplatten der Abdruck von einem Kälberfuß eingepreßt gefunden worden. So oft die Klosterbrüder die Steinplatten erneuerten, der Abdruck erschien immer wieder. In mitternächtlicher Stunde war der Klosterhof erfüllt von dem Getrampel vieler Kälber und ihrem lauten Brüllen. Am ärgsten aber trieb es dieses Gespenst drüben am Ringsee auf der Straße von Egern nach Wiessee, dort, wo es zum "Grünen Wasser" heißt.

Ein junger, neugieriger Knecht vom Großbucherbauern, der den Kaiwiplärrer einmal richtig sehen wollte, ging von einer Hochzeit in Rottach um Mitternacht heim. Da saß nun diese greuliche Spukgestalt leibhaftig auf einer Zaunsäule am Weg und plärrte ihn an: Aus einer schwarzen Mönchskutte schaute ein Kalbskopf; Arme und Beine waren richtige Kälberfüße, hinten hing ein Kälberschwanz heraus. Das Untier verfolgte ihn, soweit das Ringseeufer reichte. Der arme Bursche konnte diesem greulichen Gespenst gerade noch entfliehen. Dann hat er sich mit Mühe nach Hause schleppen können, wurde krank und starb bald darauf.

Der neue Abt war wieder ein gutmütiger und gerechter Mann. Er verbannte den bösen Geist in eine gut verschlossene Flasche und setzte sie auf dem Guffert drüben in Tirol aus, von wo aus er zwar auf den Tegernsee hereinsehen, aber kein Unwesen mehr treiben kann.

Quelle: Tegernseer Sagen aus dem Kulturraum der ehemaligen Benediktinerabtei Tegernsee (746 - 1803), Sepp Mohr, Hausham 1985