SAGEN.at >> Traditionelle Sagen >> Deutschland >> Bayern >> Tegernsee

   
 

Der wundertätige Jackl von Wall

Zwischen Gmund und dem Taubenberg liegt der Ort Wall. Dort lebte ein alter Bauernknecht, der Jackl. Die Leute erzählten sich, daß er auf wunderbare Weise Wunden heilen konnte.

Einmal haben zwei kleine Buben vom Heinzenbauern in Holz bei Kaltenbrunn ein ebenso dummes wie gefährliches Spiel getrieben hinter dem Haus. Da stand ein Hackstock, in den war ein sogenannter Daxenkreil eingehackt, weil die Dirn grad zur Brotzeit ins Haus gegangen ist. Hernach wollte sie weitermachen mit ihrer Arbeit: von einem großen Haufen von Fichtenästen sollte sie die kleineren Zweige zu Daxenstreu zusammenhacken.

Der größere Bub, Michl, sagte zum kleinen Bruder: "Hansi, leg einmal deinen Finger da her auf den Hackstock. Wenn ich zuhacke, dann ziehst ihn vorher schnell weg!" Ein paar Mal ging's gut, aber auf einmal hörte man ein furchtbares Geschrei draußen im Hof. Der Zeigefinger der rechten Hand war glatt abgeschlagen und lag noch auf dem Hackstock neben dem grausigen Spielzeug.

Man holte den unglücklichen Buben herein; die Mutter, während sie drei Vaterunser betete, legte den abgeschlagenen Finger genau auf die Wunde und verband die kleine Hand mit einem Leinenfleck.

Der Heinzenbauer sagte gleich: "Wenn da noch wer helfen kann, dann nur der Jackl von Wall. Gebt's mir ein Trumm von dem blutigen Haderl (=Tüchl) mit, ich reite gleich los nach Wall hinüber."

Der Jackl hörte sich die Geschichte an, legte den blutigen Fleck auf seine Brust und band ihn mit einem wollenen Tuch fest. Nach einer halben Stunde sagte er: "Jetzt ist's trocken. Merk dir die Zeit, ½ 4 Uhr ist's!" Wie der Vater wieder daheim angekommen ist, war alles voll Freude, und der Hansi sprang ihm schon entgegen. Die Mutter erzählt: "So um ½ 4 Uhr hat der Bub g'sagt: ,Mutter, jetzt tut's nimmer weh!' Wie wir nachg'schaut haben, war das Fingerl wieder dran, wie wenn nie was gefehlt hätte."

Quelle: Tegernseer Sagen aus dem Kulturraum der ehemaligen Benediktinerabtei Tegernsee (746 - 1803), Sepp Mohr, Hausham 1985