|
Das unglückliche Hochzeitsschiff
Am Egerner Seeufer beim Landungssteg des Überführers, aber
auch in Tegernsee nahe der Hoffischerei am See, steht je ein altertümliches
Tuffsteinkreuz mit der Jahreszahl 1544. Seine Form ist dem Eisernen Kreuz
der letzten Kriege ähnlich und geht wohl in die Zeit der Gotik zurück.
Die Überlieferung berichtet, daß in diesem Jahr in der Egerner
Kirche - gegründet 1111 - eine Hochzeit stattgefunden hat. Nach der
kirchlichen Feier fuhr die ganze Hochzeitsgesellschaft mit großen
Bauernschiffen, das sind flache Holzboote, hinüber nach Tegernsee
zum Gasthof "Post" am See, wo das Hochzeitsmahl angerichtet
wurde. Nur eine solche Gaststätte, die eine realgerechtsame Taférne
war, durfte Gesellschaften mit Tanz abhalten. In dem Wort Taférne
steckt noch das lateinische "tabernae" drin, was so viel heißt
wie Bude, Wirtsbetrieb in römischen Kastellen. Solche Wirtshäuser
haben heute noch das Recht zum Auskochen, zum Ausschank, das Brennrecht,
dazu auch die Erlaubnis, eine Bäckerei und Metzgerei mitzubetreiben.
Dazu hatten sie aber auch die Pflicht, fahrende Leute zu beherbergen oder
sie ihre Wohnwägen im Hofraum, höchstens 3 Tage, aufstellen
zu lassen, was nicht immer nur angenehm war.
Sicher ist es damals hoch hergegangen in der Alten Post in Tegernsee,
grad so, wie genau in dieser Zeit schon der erste bayerische Geschichtsschreiber
Johannes Turmair, genannt Aventinus (1477-1534), von unserem Volk schreibt:
. . . "Große und überflüssige hochzeit, totenmal
und kirchtag haben ist êrlich und unsträflich, raicht kainem
zu nachtail, kumpt kainem zu übel..."
Die sagenhafte, mündliche Überlieferung berichtet, daß
bei der nächtlichen Heimfahrt die Hochzeitsleute mitsamt dem jungen
Brautpaar in einen schweren Sturm gerieten und allesamt - 14 waren in
dem Schiff - untergingen in den hohen, aber recht kurzen, heimtückischen
Sturm wellen und ertrunken sind. Vielleicht war das Boot ohnehin überladen
und schlug schnell voll Wasser, vielleicht strandeten sie an dem Felsenriff
am Ufer der Point.
Beim Einmarsch der Besatzungstruppen am 5. Mai 1945 hat das schlichte
Steinkreuz auf der Egerner Seite den Stoß eines schweren Panzerwagens
nicht ausgehalten. Heute steht es wieder gut hergestellt an seinem alten
Platz, wo es 400 Jahre lang gestanden hat.
Quelle: Tegernseer Sagen aus dem Kulturraum der
ehemaligen Benediktinerabtei Tegernsee (746 - 1803), Sepp Mohr, Hausham
1985
|