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Der Fisch mit dem goldenen Ring
Wie es in der Bibel steht, sind beim Tod unseres Herrn und Heilands seltsame
und wunderbare Zeichen und Naturerscheinungen geschehen: Die Erde bebte
und Felsen zersprangen. So soll - laut Sage - die große, unterirdische
Felsenplatte, die den Tegernsee und den Schliersee mitsammen trägt,
damals einen jähen Riß bekommen haben, so daß seither
die Wasser der beiden Seen tief unter der Oberfläche eine geheime
Verbindung erhalten haben.
So wird berichtet, wie vor mehreren Jahrhunderten einem Abt der silberne
Schlüssel zum Tabernakel der Tegernseer Klosterkirche in den See
gefallen ist. Es war gleich am Ufer, aber an einer recht tiefen Stelle,
und der Schlüssel konnte nicht um alles mehr gefunden werden. Je
ärger die Klosterschüler dort im Schlamm herumwühlten,
desto mehr versank er in immer größere Tiefen. Nicht lange
darnach ging einem Fischer drüben im Schliersee eine gewaltig große
Seeforelle mit einem halben Zentner Gewicht ins Netz. Als man sie in der
Küche zubereitete, fand sich in ihren Eingeweiden der silberne Schlüssel
der Tegernseer Kirche.
Ein anderes Mal verlor ein Schlierseer Fischer beim Netzauslegen seinen
Ehering mittendrinn im See. Einen Augenblick lang sah er ihn noch im Absinken
aus dem dunkelgrünen Wasser aufblitzen und dann auf Nimmerwiedersehen
verschwinden. "Der ist fort in alle Ewigkeit und kriegen tut ihn
kein Mensch mehr", so sagte er laut vor sich hin.
Aber drüben im Tegernsee fischte nach wenigen Tagen der alte Hoffischer
mit dem Zugnetz. Grad dort, wo die eindrucksvollen Türme und Mauern
der Klosterwacht den Zugang zum Kloster von Norden her sicherten, löste
er einen schweren Saibling aus dem Netz und er wunderte sich sehr: Diese
seltene Art gab es doch nur im Schliersee! Aber seine Überraschung
sollte noch größer werden. Im Magen des Fisches fand sich ein
goldener Ring mit eingravierten Namensbuchstaben und dem Datum der Hochzeit
seines Kollegen und Vetters in Schliersee! So kam dieser durch eine äußerst
seltsame Fügung nun doch wieder zu seinem verlorenen Ehering.
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Freilich mag es einen kritischen Leser nachdenklich stimmen, wenn er
eine Landkarte zur Hand nimmt. Darin sieht er die normale Seespiegelhöhe
des Tegernsees mit 726m und die des Schliersees mit 777 m eingetragen.
Das gäbe eine große Überschwemmung für den Tegernsee.
In der Hoffischerei neben dem Schloß sind 5 Holzmodelle in natürlicher
Größe von besonders großen Fischen aus dem See an den
Wänden angebracht. Diese gewaltigen Exemplare wurden bis zu 1,20
m lang und wogen bis über einen halben Zentner. Darunter hängen
noch die zugehörigen Schrifttafeln in barocken Formen.
Quelle: Tegernseer Sagen aus dem Kulturraum der
ehemaligen Benediktinerabtei Tegernsee (746 - 1803), Sepp Mohr, Hausham
1985
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