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Der Wilderer und der Forstmann von Krausenbach

In den Wäldern um Krausenbach hatte wieder einmal die Wilddieberei überhandgenommen, und die Jäger suchten vergeblich einen Wildschütz zu fangen, obwohl sie bei Tag und bei Nacht den Forst durchstreiften. Selbst an einem hohen Feiertag blieb der Krausenbacher Förster nicht zu Hause, sondern schritt vormittags nach dem Waldrevier "Birkenhöhe", wo gar zu oft verbotenerweise ein Wild umgelegt ward.

Im Dorfe gaben die Glocken das letzte Zeichen zum Gottesdienst. Der Förster kümmerte sich nicht darum; er hatte soeben in einem Tannenwald gegen Rohrbrunn die Spur eines Wilderers entdeckt und war nun wie im Fieber vor Spannung und Verfolgungseifer. Da knallte ein Schuss durch die Morgenstille des Sonntags. Der Jäger eilte nach der Richtung, wo der Schuss fiel, und sah einen Mann auf ein Brünnlein zugehen.

Pst! der Wilderer! Dieser wusch sich am Brünnchen die Hände, die er an der kurz vorher erlegten Rehgeiß mit Blut befleckt hatte.

Da läutet's im Dorfe Krausenbach zur Wandlung. Feierlich hallen die Klänge durch den Wald. Der Wildschütz hält im Waschen seiner Hände inne und kniet nieder. Ruft der Förster nach Jägerbrauch den Wilderer an? Stellt er ihn? Oder achtet er auf den mahnenden Glockenklang? Nein! Die leidenschaftliche Freude, endlich einen Wilderer ertappt zu haben, raubt ihm jede Überlegung; er hebt die Flinte und drückt los, mitten unterm Wandlungsgeläute, und der Wildschütz fällt tot um. Doch jetzt kommt der Forstmann zur Besinnung, und er ist erst wie versteinert vor Schrecken
über seine jähe Tat.

Er kann den Toten nicht sehen und flüchtet ins Dorf. Seine Seelenruhe ist dahin. Immer und immer wieder, wo er geht und steht, sieht er den Wildschütz knien, und die Unruhe bringt ihn schließlich zur Verzweiflung. Eines Tages kehrt er den Flintenlauf gegen sich selbst an der gleichen Stelle, wo er den Wilderer getroffen hatte.

Aber auch sein Geist irrte ruhelos umher und versetzte in jenem Waldrevier die Fuhrleute, die Pilz- und Beerensucher in große Furcht. Kein Pferd am Holzfuhrwerk kam ohne Schaden aus dem betreffenden Waldbezirk, dem hernach das Volk den Namen "Ungnade" gab. Und das Brünnlein, bei dem die unselige Tat geschah, hieß nun das "Ungnadebrünnlein". Viele Jahre trieb der freudelose Geist des Jägers sein Unwesen. Dann war er auf einmal verschwunden. Man sagt, er wäre in einem Essigkrug in eine Waldabteilung verbannt worden, die seitdem der "Essiggrund" heißt.

Quelle: Spessart-Sagen, Valentin Pfeifer, Aschaffenburg 1948, S. 50