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Der Wasserneck

In einer Winternacht gingen drei Besenschnitzer von Königshofen im Kahlgrund nach Aschaffenburg, wo sie auf dem Markt ihre Besen verkaufen wollten. Um rechtzeitig in der Stadt zu sein, mußten sie lange vor Tag von daheim fort, und sie schritten mit dem schweren Bündel auf der Schulter über den knirschenden Schnee. Bis sie nächst Schimborn an die Kahl kamen, verspürten sie schon Müdigkeit und ließen sich am Bachufer auf ihre Birkenreiser nieder und ruhten aus. Es war bitterkalt, der Bach führte Eis, und plötzlich vernahmen die drei in der gefrorenen Kahl ein heftiges Poltern, als ob jemand mit großen Eisbrocken würfe. Die Männer, für gewöhnlich ohne Furcht, erschraken aber doch bei dem Lärm, der wie Donnerkrachen aus dem Bache durch die nächtliche Stille erscholl. Denn ein jeder musste unwillkürlich an den Wasserneck denken, der hier in der Kahl wohnen sollte. Etliche Leute der Umgegend hatten einige Male seine Rufe vernommen.

"Hoho, hoho!"

schrie er in finsterer Nacht; und die Menschen wichen ihm aus, weil er als tückisch galt, und nicht leicht wagte sich jemand in der Nähe der Kahl über ihn lustig zu machen. Nun mussten die drei Königshofer Männer, um ihren Weg fortzusetzen, über den Bach, und da wollte auf dem Steg keiner der erste oder der letzte sein. Endlich sprach der Jüngste im Scherz zu einem seiner Begleiter:

"Hannes, geh du voraus, du bist ein frommer Mann, dir tut der Wasserneck nichts. Ich will der letzte sein; denn der Wassermann und ich sind alte Freunde."

Also betraten sie den Steg. Sie waren auch schon fast hinüber, da packte den jungen Burschen, welcher zuletzt schritt, der blanke Übermut, und er rief spottend:

"Ei, gebt acht, dass euch der Wassermann nicht holt! Hoho, Herr Wassermann, hoho!"

Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, fasste ihn eine unsichtbare Hand und riß und zog ihn durchs Eis hinunter in die kalte Flut. Du kannst dir denken, wie die zwei anderen erschraken! Sie wagten nun keine Silbe mehr zu sprechen, solange sie nicht fern des Baches waren. Und nach dem Verkauf ihrer Besen gingen sie heimwärts nicht mehr über den Steg bei Schimborn, sondern sie suchten lieber auf einem Umweg in ihr Dorf zu gelangen.

Quelle: Spessart-Sagen, Valentin Pfeifer, Aschaffenburg 1948, S. 72ff