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Der Schneider im Wartturm

In Pflaumheim war ein Schneider, der ging nicht nur mit Schere und Nadel um, sondern auch mit dem Stutzen und huschte gar manches Mal in den Wald, ein Reh zu wildern oder einen Hasen, dem er eins auf den Balg brannte, und sich hernach am schmackhaften Braten gütlich tat. Einmal trieb er sich wieder mit dem Schießeisen im Pflaumheimer Wald einher, hatte auch einen feisten Rehbock erlegt und wollte ihn nun in den Busch schleppen. Da rief eine Stimme plötzlich "Halt, Bursche!", und wie sich der Schneider erschrocken umwandte, stand er dem Ritter von der Hesselburg gegenüber. Der Ritter ließ den Wildschütz ergreifen und in den Wartturm sperren; zur Strafe sollte der Schneider solange darin bleiben, bis er das gefrevelte Wild mit Haut und Haaren verzehrt hätte. Doch das Schneiderlein fand ein Mittel zu seiner Rettung. Es hatte glücklicherweise die Schere einstecken und zerschnitt damit das Rehbocksfell in lauter schmale Streifen. Die band es alsdann zu einem Seil zusammen, das von der Turmstube bis zur Erde reichte. Der Schneider ließ sich an dem Seil hinunter, gelangte ohne Schaden auf den Boden, entfloh und brachte sich jenseits des Rheines in Sicherheit.

Er konnte erst nach einer Reihe von Jahren wieder heimkehren, nachdem der Ritter von der Hesselburg gestorben war.

Zum Andenken an die damalige Rettung, die mit Hilfe einer Schere gelang, veranlasste der Schneider, dass nächst dem Dorfe ein Bildstock errichtet wurde mit einer Schere daran. Und der Bildstock steht heute noch an der Wegscheide nach Wenigumstadt.

Quelle: Spessart-Sagen, Valentin Pfeifer, Aschaffenburg 1948, S. 100f