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Das Steinbild vom Ingelheimer Hof

Im Ingelheimer Garten befand sich ein uraltes Steinbild, das ein Mädchen im einfachen Gewande einer Magd darstellte. Warum wurde dieses Steinbild hier errichtet? Das kam so: Jenes Mädchen hatte jahrelang der Gräfin von Ingelheim ehrlich und treu gedient. Nun fehlte eines Tages der Herrin ein goldener Ring, und der Verdacht, ihn gestohlen zu haben, fiel auf das dienende Mädchen. Allein es beteuerte, es wisse nichts von dem Ring, und könne auch nicht sagen, wer ihn fortgenommen habe. Es sei ganz und gar unschuldig.

Die Gräfin suchte auf jede Weise von dem Mädchen ein Schuldbekenntnis zu erlangen, aber es wiederholte immer wieder dasselbe: "Ich habe nichts gestohlen." Daraufhin wurde die Gräfin so erzürnt, dass sie die Magd in einen Wandschrank sperrte. Von Zeit zu Zeit ließ sie die Schranktür einen Spalt breit öffnen und fragte jedes Mal: "Gestehst du jetzt, dass du den Ring gestohlen hast?" Das Mädchen gab immer nur die eine Antwort: "Ich bin keine Diebin." Zornig ließ die Frau Gräfin das Mädchen im Schrank weiter schmachten.

In den nächsten Tagen nun sollte das etwas schadhaft gewordene Hausdach ausgebessert werden. Dabei entdeckten die Handwerksleute ein Elsternest und darinnen lag - der vermisste Ring.

Sofort teilte man der Gräfin den Fund mit. Die Frau hatte eine große Freude, erschrak aber auch zugleich und eilte an den Wandschrank. Zu spät! Die treue, ehrliche Magd war bereits erstickt. Jetzt jammerte die Frau Gräfin und bereute ihre überstürzte, unglückselige Tat. Die unschuldige Dienerin erhielt ein feierliches Begräbnis, und die Gräfin ließ zum Gedächtnis und zur Ehre der Verleumdeten das Steinbild im Garten aufstellen. Zur Sühne des Unrechtes aber wurde bis in die Jetztzeit alle Jahre auf den Ottilientag, am 13. Dezember, unter die Armen der Stadt frischgebackenes Brot verteilt.

Quelle: Spessart-Sagen, Valentin Pfeifer, Aschaffenburg 1948, S. 11.