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Die Rettung

Es war im Dreißigjährigen Kriege. Da durchlief den Ort Obernau die Kunde: Die Schweden sind im Anzug! Und es hieß, sie würden niemand verschonen, weder Greis noch Kind, weder Mann noch Frau. Und deshalb flohen die Obernauer mit ihren Kindern und den wichtigsten Habseligkeiten in die Wälder und verbargen sich dort.

Aber da war eine alte Frau, die litt so schwer an der Gicht, dass sie nicht gehen und nicht einmal das Fahren vertragen konnte. Bei jeder Bewegung und der geringsten Erschütterung auf einem Fuhrwerk bekam sie heftige Schmerzen. Und so blieb sie allein zurück. Sie empfahl sich dem Schutze der Mutter Gottes, ließ sich in ein großes Gebund Stroh einhüllen und in einen Scheunenwinkel legen.

Die Schweden kamen ins Dorf, das wie ausgestorben war. Und sie verblieben einige Tage, suchten Haus, Keller und Scheune nach Vorräten durch und zogen dann weiter.

Jetzt kehrten die Obernauer aus ihren Schlupfwinkeln heim ins Dorf. Wie erging es wohl der kranken, alten Frau, die allein zurückgeblieben war? Die Heimgekehrten sahen sich voll Erwartung nach ihr um. Sie gingen in die betreffende Scheune, spähten in den dämmerigen Winkel, und hier lag die Greisin noch unverletzt wie vor Tagen. Die Schweden hatten sie nicht gesehen, obwohl sie durch die Scheune gepoltert waren.

Die alte Frau dankte der heiligen Mutter Maria für die Errettung aus der Kriegsnot und ließ ihr Bild anfertigen und unter dem Bogen des Tores, durch welches man nach Aschaffenburg ging, aufstellen. Dort war es, bis das Tor abgebrochen wurde.

Quelle: Spessart-Sagen, Valentin Pfeifer, Aschaffenburg 1948, S. 45