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Die Nachtmahlskannen

Ehe das Schloss Wildenstein an die Grafen von Rieneck kam, gehörte es den Münzenbergern. Vielleicht haben diese Herren ihren Namen davon bekommen, dass sie, wie man sagt, eine eigene Münze hatten auf dem Berg, oberhalb Eschaus, den man heutzutage die "Münzplatte" heißt; denn sie waren sehr reich. Wenn sie aber einer gefragt hätte, wie sie zu dem vielen Gold und Silber gekommen wären, das da oben gemünzt wurde, würde die Antwort nicht schön gelautet haben. Mancher Kaufmann wusste davon zu sagen, den sein Weg durch den Spessart oder den Main herunterführte, manches Dorf und manches Städtlein, das ihren Zorn einmal unversehens gereizt, und die armen Untertanen auch, mit denen sie kein Einsehen und Erbarmen hatten. Es ist vielleicht auch mancher unter diesen Herren gewesen, der gerade nicht so schlimm war, der letzte aber, der auf dem Schlosse hauste, ehe es an die Rienecker kam, war noch einmal ein echter Münzenberger, trotzig, waghalsig, raubsüchtig und geizig. Weil aber nun das Geschlecht sein Maß erfüllt hatte, hob nun auch das Gericht über ihn an, und wie das erfüllt wurde, weiß man heutzutage noch zu erzählen.

In seinen jungen Jahren nämlich hatte dieser letzte Schlossherr von Wildenstein einmal ein Dorf angezündet und ausgeplündert, und hernach wollte er das geraubte Gut teilen lassen. Wie nun seine Knechte vor ihm auf einen Haufen legen mussten, was ein jeder gefunden, brachten sie auch die Nachtmahlskannen herbei, die sie aus der Kirche geraubt hatten. Diese wollte er für sich behalten, denn sie waren von purem Gold und gar sauber gearbeitet. Da trat der Pfarrer herzu und riet ihm ab: er möchte sich nicht daran vergreifen, denn es könnte ihm nimmermehr Glück bringen - weder ihm noch seinen Kindern. Er ließ sich aber nichts einreden, sondern frevelte noch dazu, indem er sagte: er wolle erst abwarten. Wenn ihm die Kannen Unglück ins Haus brächten, dann könne er sie immer wieder zurückschicken, wenn aber nicht, so sollten sie bei ihm auch gut aufgehoben sein, und er wolle denken, sie seien ihm beschert und bestimmt gewesen. Wie er heimkam aus dem Krieg, wollt er's doch nicht Rede haben, sondern verbarg die Kannen im Keller unter einem Steinhaufen, und wenn er zuweilen hinunterging, um sie sich anzusehen, durfte niemand mit als sein großer, schwarzer Fanghund, der niemals von seiner Seite kam, so dass niemand erfahren hat, wo sie denn eigentlich lagen. Da geschah es nun, dass der Schlossherr durch Unrecht, Raub, Gewalt und Bedrückung von Jahr zu Jahr reicher wurde, und wie seine drei Söhne heranwuchsen, von denen die zwei ältesten waren wie der Vater - der jüngste aber war der Mutter nachgefahren und hatte ein gut Gemüt -, konnte er jedem von ihnen ein Schloss bauen.

Dem ältesten baute er eines an den Künigenberg im Wildenseer Grund und füllte ihm das ganze Haus mit Gold und Silber, denn er hatte ihn am liebsten; auch ließ er ihm einen großen Hirsch von lauterem Golde machen und stellte ihn über das Schlosstor, den sah man glänzen und blinken schon von weither. Dem zweiten baute er eines in den Heßgrund neben das Dorf Heckbach, und dem dritten baute er eines auf die Wiese oberhalb Unteraulenbachs. Es sah nicht aus, wie wenn ein Unglück kommen wollte über den Schlossherrn und seine Kinder, und er war so sicher und wohlgemut wie nur einer.

Wie er nun einmal des Abends in seiner Stube sitzt und durchs Fenster schaut, fliegt ein Rabe heran und schlägt mit dem Schnabel ans Fenster. Der schwarze Hund steht auf und fängt kläglich an zu heulen, und wie er ihm wehren will, tut's einen solchen Schlag, dass das ganze Schloss zittert und der Schlossherr sich am Stuhle halten muss. Folgenden Tages kommt die Nachricht, dass das Schloss am Künigenberg gestern Abend um die und die Stunde mit allen Leuten untergegangen sei; nur der Schlot gucke noch heraus, und au: dem komme der Schlossbrunnen geflossen wie aus einer Röhre.

Eine Weile ging's dem Münzenberger hart nach, denn er dachte an die Nachtmahlskannen und an den Pfarrer; er war still und in sich gekehrt und war nicht mehr so hart und grausam gegen die Leute. Nach etlichen Monaten aber starb sein Weib, die ihn von manchem Bösen zurückgehalten, und er nahm eine Haushälterin, Else geheißen, die ebenso hartherzig und geizig war wie er selbst. Bald war sein Gewissen wieder still geworden, und er trieb's wieder wie zuvor.

Jetzt kam ein großer Krieg ins Land. Der Feind kam und hauste mit Sengen und Brennen so übel, dass es zum Erbarmen war. Just um die Zeit, als der Feind heranzog, hatte der Schlossherr auf Wildenstein einen bösen Traum. Es kam ihm nämlich vor, als ob das Schloss, das er im Hessgrund gebaut hatte, auch nicht stehen bleiben wolle, sondern sich senke, und wie es schon stockwerkstief eingesunken, erscheine sein Sohn am Fenster und rufe: "Da seid Ihr dran schuld, Vater, weil Ihr das Haus auf Sand gebaut und weil Ihr kein Kreuz darauf gesteckt habt, und weil die Kannen noch unter dem Steinhaufen liegen." Wie er erwachte, schickte er gleich einen Boten nach Heckbach, er solle sehen, was sein Sohn mache, und wie er dem Boten nachschaut, steigt hinter dem Berg, wo Heckbach liegt, ein großer Rauch auf. Da ward's ihm noch bänger. Endlich
aber kam der Bote zurück und meldete, der Feind habe das Dorf abgebrannt und sei weiter gezogen; das Schloss stehe aber noch, und sein Sohn sei wohl und lasse ihn grüßen. Da ward's ihm wieder leichter, und er meinte, das werde ihm im Traum vorgegangen sein.

Wie er aber des Abends in seinem Zimmer sitzt, heult der Hund wieder, gerade wie damals, und wie er zum Fenster hinaussieht, kommt der Rabe wieder geflogen - langsam wie ein Vogelgeier, aber geradeaus wie ein Pfeil - und schlägt mit dem Schnabel ans Fenster, und es kracht wieder, wie wenn die Erde auseinander fahren wollte. Da war das Schloss im Heßgrund auch untergegangen, und wie er sich folgenden Tages den Ort besieht, ist keine Spur mehr davon zu sehen - nur noch ein großer leerer Platz, wo es gestanden, und dabei die Mauern von dem verbrannten Dorf, gerade wie man's heutzutage noch zwischen Heidekraut und dem Gebüsch sehen kann.

Diesmal war's dem Schlossherrn doch zu arg geworden! Er konnte sich des Pfarrers Worte nicht mehr aus dem Sinn bringen und vertraute die Sache von den Nachtmahlskannen der Else an - wo er sie aber versteckt hatte, das sagte er nicht. Diese aber wollte ihm nach dem Munde reden und sagte: "Hin ist hin! Eure Söhne kommen doch nicht wieder, der dritte aber ist ein Betbruder, dem wird's nicht schaden, wenn Ihr auch die Kannen behaltet." Das gefiel dem Münzenberger wohl, denn der Geiz hatte sein Herz in einen Stein verwandelt, und er tat wie zuvor, doch sprach er schier mit niemand mehr ein Wort als mit der Else und seinem Hund, lachte auch nicht mehr, sondern war stumm und finster.

Wiederum ist der Schlossherr eines Abends in seinem Zimmer. Sein schwarzer Hund war krank geworden und eben am Verenden -, der Schlossherr hält ihm ein Schüsselchen mit Milch unter die Schnauze, das er fressen soll, aber der Hund rührt sich nicht. Mit einem Male aber steht er auf und stößt wieder sein erbärmliches Geheul aus, dann fällt er um und streckt alle viere von sich. Der Schlossherr fährt zusammen und läuft ans Fenster. Da kommt der Rabe wieder geflogen, geradeaus wie ein Pfeil, diesmal aber nicht langsam, sondern schnell, dass die Luft pfeift, und schlägt mit seinem Schnabel an das Fenster, dass die Scheibe klirrt. Da tut der Münzenberger einen Schrei, dass es einem durch Mark und Bein geht, und ruft: "Zwei sind hin, und jetzt kommt's an den dritten: Lauft und holt mir den Pfarrer, denn ich muss beichten!" Die Else läuft in einer Hast nach Eschau und holt ihn. Wie er ankommt, war's dunkel geworden, und wie ihn die Else ins Herrenzimmer führt, waren die Lichter angesteckt, und der Münzenberger schreit in einem fort: "Zwei sind hin, jetzt kommt's an den dritten!" Der Pfarrer vermahnt ihn, dass er sich das Herz erleichtern solle, und der Schlossherr nickt mit dem Kopf und sagt: "Die Kannen liegen im - im" - weiter kommt er nicht. Seine Kinnbacken ringen an zu arbeiten, als wenn er noch etwas sagen wollte, konnte es aber nicht herausbringen. Der kalte Schweiß trat ihm auf die Stirne, dann schnappte er noch einmal nach Luft, und - aus war es mit ihm. Wie er nun daliegt mit offenem, aufgesperrtem Munde, wie wenn er noch etwas zu sagen hätte - hui! da klirrt das Fenster, die Scheiben fahren auf den Boden, und der Rabe schießt herein, fliegt schreiend durchs Zimmer und schlägt mit seinen Flügeln die Lichter aus, dass es stockfinster wird.

An jenem Abend ist die Else närrisch geworden. Da der jüngste Sohn nicht herauf ins Schloss ziehen wollte, blieb sie allein drin wohnen. Bei Tag ging sie niemals heraus, in den mondhellen Nächten aber kam sie herunter ins Dorf an den Brunnen und wusch ihre Wäsche. Sie grüßte nicht und dankte nicht, wenn ihr jemand begegnete; wenn man aber fragte: "Wie geht's, Else?" blieb sie stehen, sah einen mit starren Augen an und murmelte: "Es wirft, es wirft im Keller mit Steinen - man kann kaum bleiben vor dem Werfen."

Nun war noch der jüngste Sohn des Schlossherrn übrig; der war ein rechtschaffener, leutseliger Mann und hatte sich verheiratet - Kinder aber hatte er nicht. Sonst ging's ihm gut, alle Menschen gönnten's ihm, und er lebte noch lange mit seinem Weib, nachdem sein Vater gestorben war. Da zog der Krieg wieder heran, und alle Leute, die einzeln wohnten, flüchteten; so wollten denn auch die beiden Herrenleute, weil sie das Wildensteiner Schloß nicht bewohnen wollten, hinabziehen nach Eschau.

Ihre Habe hatten sie zusammengepackt, die Pferde waren angeschirrt und standen im Hof - vom Tale aber zog ein Gewitter auf. Wie sie nun über die Schlossbrücke fahren, bricht das Wetter los, es donnert und blitzt, und die Pferde werden scheu und springen mit dem Wagen in den See; darin sind die Herrenleute ertrunken. Den Grund, der ihnen gehörte, heißt man heute noch den Herrengrund, und die Wiese, wo ihr Schloss stand, die Herrenwiese und den Brunnen, der dort quillt, den Herrenbrunnen. Das Schloss aber verfiel ganz und gar, und aus den Steinen ist das erste Haus in Unteraulenbach gebaut, links am Weg, wenn man von Eschau aus ins Dorf kommt. Hiermit war das Geschlecht der Münzenberger ausgestorben, und das Wildensteiner Schloß und Amt kam an die Grafen von Rieneck, die ein edles Geschlecht waren und viele Jahre regierten.

Der Künigenbrunnen im Wildenseer Grund, dort, wo das Schloss mit dem vielen Gold und Silber versunken, fließt heute noch und spült von dem vielen Golde hie und da aus. Vor nicht langer Zeit sind fremde Leute von weither gekommen und haben Sand aus dem Brunnen geholt, und nach einem Jahr holten sie wieder, und niemand wusste, woher sie waren und was sie damit wollten. Wie sie aber zum dritten Male gekommen und den Sand geholt hatten, sagten sie: "Jetzt kommen wir nicht mehr, wir haben nun Goldes genug; wenn die Leute wüssten, was in dem Sand ist, könnten sie alle reich werden." Man vermutet, es seien Bergleute gewesen.

Quelle: Spessart-Sagen, Valentin Pfeifer, Aschaffenburg 1948, S. 130ff