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Mespelbrunn

Es war der erste Mai 1412, als der Kurfürst von Mainz die Hirschjagd im Spessart eröffnete. Die Sonne schien ungewöhnlich heiß wie im Sommer, und es ließ sich den ganzen Morgen kein Hochwild sehen, bis man endlich um Mittag einen starken Hirsch aufspürte. Der Kurfürst setzte ihm so rasch nach, dass seine Leute nicht folgen konnten. Nur der Ritter Haman Echter blieb nicht zurück. Die Hetzjagd ging stundenlang über Berg und Tal, durch Gebüsch und Hochwald; der verfolgte Hirsch lahmte allmählich und brach endlich zusammen. Der Kurfürst sprang vom schaumbedeckten Rosse und erlegte ihn. Doch jetzt verließ auch den Jäger die Kraft, und der Durst quälte ihn zum Verschmachten. Haman Echter, der seinen Herrn nicht verlassen hatte, litt gleichfalls großen Durst, aber er raffte sich trotzdem auf und spähte nach einer Quelle, mehr für seinen Herrn als für sich. Doch auf den steinreichen Höhen des Spessarts ist kaum eine zu finden. Deshalb musste Haman weit gehen, bis er in einem frischen Tal, unter Mispelbäumen versteckt, ein Brünnlein entdeckte. Wie erquickte der kühle Trunk! Eilig lief Haman, seinen Herrn herbeizuholen, da ihm jedes Gefäß zum Schöpfen fehlte. Der Ritter fand seinen Fürsten halb ohnmächtig im Schatten einer Buche. Er hatte nicht mehr die Kraft sich aufrecht zu halten, noch weniger sich ins Tal zu begeben. Da lud ihn Haman Echter auf seine Schulter und trug ihn so schnell als möglich die weite Strecke bis zum Brunnen. Durch das frische Wasser erholte sich der Kurfürst bald wieder, und ein Händedruck sicherte dem Echter zu, dass ihm sein Herr den geleisteten Dienst nie vergessen werde.

Als sie nach kurzer Rast die Rosse bestiegen und das Tal entlang ritten, kamen sie an die Trümmer des Hauses, das vor 250 Jahren ein Echter errichtet und Espelbrunn genannt hatte. Jetzt wusste der Kurfürst, wie er dem Haman Echter seine Dankbarkeit beweisen könne, und nach seiner Ankunft im Aschaffenburger Schlosse ließ er folgende Urkunde ausfertigen:

"Wir, Johann usw. bekennen, dass wir angesehen haben getreue, fleißige Dienste, die uns und unserem Stift Haman Echter, unser Vizedom zu Aschaffenburg und Lieber Getreuer, getan hat und noch künftige Zeiten tun soll und mag, und darum, um sonderliche Gunst und Gnade, die wir zu Ihm und seiner ehelichen Hausfrauen han. So haben wir ihm und ihrem Erben geben zu eigen die Wüstung und Hofstätte, genannt der Espelborn."

Um die Hofstätte zog sich aber auch ein weiter, schöner Wald, der noch heute zu Mespelbrunn gehört.

Quelle: Spessart-Sagen, Valentin Pfeifer, Aschaffenburg 1948, S. 58f