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Die Maria-Schnee-Kapelle zu Röllbach

Es war um das Jahr 1500; da trieb der Röllbacher Hirte das Vieh auf die Weide vors Dorf hinaus, und als er am nahen Wäldchen vorbeikam, beugten sämtliche Rinder ihre Knie. Das geschah tags darauf an derselben Stelle wieder und jedes Mal, sooft die Herde an dem Gehölz vorüberging. Du kannst dir denken, dass der Hirte sich verwunderte; er durchstreifte das Wäldchen und siehe - er fand im Gebüsch einen viereckigen, eichenen Stock mit einer Nische, in der sich ein hölzernes Bild der Heiligen Jungfrau befand mit dem Jesuskind auf dem Schoße.

Die Röllbacher wollten nun am Dorfende eine Kapelle erbauen und das gefundene Bild darin aufstellen. Sie steckten auch schon den Platz ab, fuhren Steine und Holz herbei und fingen an zu bauen. Aber am anderen Morgen waren Steine und Balken verschwunden und lagen an der Stelle, wo der Hirte das Bild entdeckt hatte. Die Röllbacher dachten, mehrere Einwohner, die mit dem Bauplatz nicht einverstanden gewesen waren, hätten das Holz samt den Steinen über Nacht weg geschafft, und so fuhr man die Baustoffe wieder ins Dorf zurück. Doch sie waren am folgenden Tage wieder fort und befanden sich draußen an ihrer früheren Stelle. Jetzt mussten einige Männer beim neuerdings zurückgebrachten Holz während der Nacht Wache halten; allein es verschwand trotzdem wieder an den Fundort des Muttergottesbildes, ohne dass die Wächter etwas davon bemerkten.

Nun endlich beschloss die Röllbacher Gemeinde, das Kapellchen draußen im Wäldchen zu erbauen. Sie waren sich jedoch nicht darüber im Klaren, wie groß und in welcher Gestalt die Kapelle errichtet werden solle. Da enthob sie ein wundersamer Vorgang ihrer Sorge; in der Nacht nämlich fiel, obgleich es Sommer war, auf jene Fundstelle Schnee herunter, und der gab zugleich den Grundriss zu der Kapelle. So fing man also an zu bauen. Ja, wenn der kurfürstliche Amtmann zu Stadtprozelten, zu dessen Bezirk damals Röllbach gehörte, nicht gewesen wäre! Dieser Amtmann suchte den Bau zu verhindern und hatte es eilig, hin zu reiten und jede Arbeit zur Aufrichtung der Kapelle streng zu verbieten. Wie er dann wieder fort reiten will, steht sein Ross wie gebannt und rührt sich nicht vom Fleck. Der Amtmann gibt seinem Pferd zuerst gute Worte, und hernach schimpft er, um es fortzubringen. Aber das Pferd bleibt stehen wie angewurzelt. Zornig stößt ihm sein Herr die Sporen in die Weichen, und vor Schmerz bäumt sich das Ross empor; allein die vier Hufeisen bleiben auf dem Boden haften. Da merkte nun der Amtmann, dass hier eine höhere Macht ihren Willen kundgab. Er widerstrebte nicht länger, und die Kapelle wurde gebaut, wie sie durch den Schnee vorgezeichnet war.

Etliche Gemeinden aus der Nachbarschaft wallten in feierlichen Prozessionen dahin, so die Wörther und Erlenbacher, und auch von Trennfurt, Klingenberg, von Rollfeld, Fechenbach und Reistenhausen kamen die Leute nach jener "Kapelle der heiligen Maria zum Schnee", wie sie in der ganzen Umgegend genannt wurde.

Als einmal die Pestseuche zahlreiche Dörfer am Main heimsuchte mit einem großen Sterben, gingen die Leute barfuss und betend zur Schneekapelle, damit die Krankheit ein Ende nähme, und ihr Gebet wurde erhört: Die Seuche erlosch.

Zwar haben jetzt die Wallfahrten im Großen zur Maria-Schnee-Kapelle aufgehört, aber es wandern noch immer Leute hin und bekennen in gläubigem Vertrauen vor dem heiligen Bild, was sie bedrückt.

Quelle: Spessart-Sagen, Valentin Pfeifer, Aschaffenburg 1948, S. 136f