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Der Köhler und das wilde Heer

Im Hainbuchengrund arbeitete gegen Abend ein Köhler auf der Lensenplatte an seinen Meilern. Es war noch ganz hell. Da raschelte es neben ihm im Wald, und ein fremder Mann von wüstem Aussehen kam plötzlich auf ihn zu und schrie ihn an: "Was für ein Ort - oder: Was für ein Land?" Der Köhler hatte sich später nicht mehr genau erinnern können. Bis er sich versah, hatte ihn der Fremde, ein großer Kerl, an der "Anke" gepackt, stieg mit ihm in die Luft hinauf und führte ihn fort über den Heinrichsgrund und den Weihersgrund hinweg, weit in den Spessart hinaus, wo sie in ein kleines Tal kamen. Dort stand ein langer Zug von Rossen und Wagen, Menschen und Vieh. Am Waldrand ließ sich der Fremde mit dem Köhler auf den Erdboden nieder und schrie wiederum: "Was für ein Land oder was für ein Ort?" Der Köhler konnte vor lauter Schrecken nichts sagen, und er kannte sich auch nicht aus, wo sie waren. Da schüttelte der Fremde verdrossen den Kopf und ging zu seinem Zug hinüber, zu den vielen Menschen, Pferden und Wagen.

Der Köhler jedoch entwich in den Wald und deckte sich mit Reisig zu, damit ihn niemand sehen könne. Er konnte die ganze Nacht nicht schlafen, hörte aber nichts mehr von dem sonderbaren Zug und sah auch nichts mehr von ihm.

Am andern Morgen ging er einem kleinen Wässerlein nach und gelangte schließlich in den Hafenlohrgrund. Von dort ging er dann zum Hainbuchengrund hinüber.

Später hatte er oftmals erzählt, was er bei dem wilden Zug alles sah; fast nur lauter wild aussehende Männer. Aber es waren auch einige andere darunter, die waren wie Fürsten oder sonst hohe Herren gekleidet und schauten ganz freundlich drein.

Quelle: Spessart-Sagen, Valentin Pfeifer, Aschaffenburg 1948, S. 157