SAGEN.at >> Traditionelle Sagen >> Deutschland >> Bayern >> Spessart Sagen

   
 

Der "Jockel" und der "Jockenmüller"

Zur Zeit des Kurfürsten von Erthal fuhr einmal der obere Müller von Wintersbach allerlei Jagdgerät aus dem Aschaffenburger Zeughause nach Rohrbrunn. Hier rastete er im Gasthaus zum Hochspessart und gönnte sich einen guten Trank. Derweil hielt sein Gespann draußen auf dem Hof neben der sogenannten "Sohle". Die müden Pferde hatten sich hingestreckt und schliefen.

Nun kam der kurfürstliche Leibjäger vorüber, der schlug aus bloßem Übermut nach den Tieren, und dabei traf ihn das aufgeschreckte Pferd so mit den Hufen, dass er im nächsten Augenblick langwegs in der Sohle lag. Der schmutzbedeckte, zornige Jägersmann band das Pferd ab, setzte sich darauf und hetzte es, bis es tot zusammenbrach. Solches ward auch dem Fürsten kund, und der ließ alsdann Jäger und Müller zur Tafel laden. Jener musste vor allen Gästen das ganze Begebnis erzählen, und Scham und Angst trieben ihm den Schweiß aus der Stirne. Er wurde angewiesen, dem Müller alljährlich eine bestimmte Summe Bußgeld zu entrichten. Der Jäger, welcher Jocken hieß, wurde zur Strafe nach dem einsamen Echterspfahl versetzt. Von nun an führte der Echterspfahl auch den Namen "Jockei", und die Wintersbacher Mühle, in der sich alle Jahre der Jocken zur Leistung des Sühnegeldes einfand, wurde seitdem "Jockenmühle" geheißen. Ihr Besitzer ist bis in die jüngste Zeit der "Jockenmüller" geblieben.
Betta Dietrich

Quelle: Spessart-Sagen, Valentin Pfeifer, Aschaffenburg 1948, S. 62f