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Am Jägerkreuz

In einer Sommernacht ging der kurfürstliche Jäger aus Villbach durch das Waldrevier am Bieberer Steig, und der schwarze Bartel, ein berüchtigter Wilderer, lauerte ihm auf. "Sollst mir nicht länger verwehren, wann ich mir ein Reh holen will oder einen Hirsch", murmelte der Wildschütz hinterm Gebüsch, "heut besorg ich dir's!"

Es war eine gar linde, herrliche Nacht. Die Vöglein schliefen schon. Der Mond und die Sterne sahen freundlich herab, aber ihre silbernen Strahlen drangen nicht durch den dichten Busch, in dem sich der schwarze Bartel versteckt hielt. Der mainzische Jäger schritt mit entsichertem Gewehre vorsichtig durch den Eichwald. Da knackt und raschelt es im Gebüsch. Der Jägersmann späht ins Gehölz und reißt die Flinte hoch. Da fällt schon ein Schuss aus dem Hinterhalt, und der mainzische Förster sinkt um. Die Kugel des Wilderers hat ihn tödlich getroffen.

Groß war die Klage um den braven pflichttreuen Jäger. Vom Joßgrund, aus Wiesen und vom Amt Bieber war alles, was zur Jägerei gehörte und die grüne Farbe trug, herbeigekommen, um dem toten Kameraden das letzte Geleit zu geben.

Die Häscher suchten Tag und Nacht nach dem Mörder, der sich noch eine Zeitlang in den tiefen Spessartwäldern verbergen konnte, dann aber aus dem Lande floh und nicht mehr in die Heimat zurückkehrte.

Wo der Mord geschah, wurde ein steinernes Marterl gesetzt, das jetzt zum Teil verfallen ist. Auf dem Steine sind die Worte zu lesen:

"Anno 1727, den .... August ist Heinrich Stock, Jäger von Vielbach hier von einem Wilt Schützen dott geschossen worden. Derowegen seine Eltern diß Creuz zu ehren Jesu und trost seiner armen Seel aufrichten lissen."

Etliche Bauern sahen noch in letzter Zeit auf den Talwiesen vom Jägerkreuz ein Irrlicht huschen und geistern, und sie eilten geängstigt nachHause. Sie glauben, die Seele des Mörders könne nimmer zu Ruh und Frieden kommen und müsse unstet als Irrlicht wandern am Ort derruchlosen Tat.

Quelle: Spessart-Sagen, Valentin Pfeifer, Aschaffenburg 1948, S. 203