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Das Hochkreuz zwischen Sommerau und Roßbach

Auf der Wanderung von Sommerau nach Roßbach umfängt einen zumeist beschattender Wald. Einmal aber, nach etwa halbstündigem Gange, tritt plötzlich eine kleine Lichtung in den Weg. Ungehemmt spielen hier die blitzenden Sonnenstrahlen ihr Feuer über die freiliegenden Matten. Durch das Wiesengründchen kollert, in die schmale Rinne gezwängt, ein munteres Wässerlein. Zwei oder drei Tannenbäumchen steigen vorwitzig aus der stillen Ebene. Am Rande der Waldwiese aber erblickt das Auge bei der Wegquerung: Sommerau - Roßbach, Eichelsbach - Hobbach ein Steinkreuz, von schlanken Fichten überragt. Mehrere Bänke, in denen der Holzwurm nagt, befinden sich am Fuße des Kreuzes. Von den umliegenden Dörfern kommt an den Sommersonntagen mancher zum Hochkreuz, und Gebete und heilige Lieder schallen den Wald hinan.

Im Jahre 1881 weihte der Sommerauer Kaplan das christliche Denkmal im Kreise zahlreicher Gläubigen feierlich ein. Warum das Christuszeichen hier in der Einsamkeit erstand, und wer der Stifter war, konnte die Volksneugierde nie ermitteln. Dafür gestaltete die Phantasie mehrere absonderliche Begebnisse, welche die Errichtung des Hochkreuzes begründen könnten. Einige davon sollen hier Erwähnung finden.

1. Postbote Härtung

Ein Postbote - er hieß Härtung - hatte abends noch einen Gang von Eichelsbach nach Hobbach zu machen. Als er an die Wegkreuzung kam, hörte er im Walde ein Rascheln, als ob jemand durchs Laub schlurfe. Härtung war kein Angsthase und rief: "Was raschelt da drin?" Im selben Augenblicke erhielt er eine schallende Ohrfeige, und von Stamm zu Stamm hüpfte widerliches Kichern und Gelächter. Den armen Mann grauste entsetzlich; abgehetzt und zitternd kam er in Hobbach an. An der Stelle, wo er das schreckhafte Erlebnis hatte, soll nach seinem Willen das Kreuz aufgestellt worden sein.

2. Der Kaplan

Der Sommerauer Kaplan musste an einem Samstag länger als gewöhnlich zu Eichelsbach verweilen und ging erst um Mitternacht durch den Forst nach Hobbach, um dort am Sonntag die "Frühkirch'* zu halten. Da, wo die Wege überkreuz laufen, trat ein Unbekannter auf ihn zu und fragte: "Wer bist du?" Geistesgegenwärtig erwiderte der Kaplan: "Ich bin ein Kind des Lichtes!" Worauf die fremde Stimme entgegnete: "Das war dein Glück, sonst hätt' ich dir das Genick zerbrochen."

Aller Spuk war sodann verschwunden.

3. Der Hobbacher Mann

Ein Hobbacher ging nachts von Eichelsbach heim, wo er Verwandte besucht hatte. Am Kinzbach tauchte vor ihm plötzlich eine schwarze Gestalt auf, die ihn keinen Schritt mehr weiter ließ. In seiner Angst versprach der Bauer, an der betreffenden Stelle eine Kapelle zu errichten, wenn er glücklich nach Hause käme. Da gab ihm die schwarze Gestalt den Weg frei. Als er dann sein Versprechen einlösen wollte, ließen die Grundstücksbesitzer den Bau einer Kapelle an jenem Platz nicht zu. Der Bauer aber wollte sein Versprechen unbedingt halten, und nach langem Verhandeln wurde ihm gewährt, an der Eichelsbacher Gemarkung wenigstens ein hohes Kreuz zu errichten. Und da steht es noch heute.

Quelle: Spessart-Sagen, Valentin Pfeifer, Aschaffenburg 1948, S. 126f