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Der Harle

Da war zu Wertheim ein Fischer, der im Volksmund bloß der "Harle" hieß. Er lebte vom Fischfang und von dem Ertrag eines Gärtleins, das am Stadtrande lag. Außerdem besaß er einen kleinen Baumacker, droben an der langen Haid, noch im Bereich der Wettenburg. Das nötige Brennholz lieferte ihm ein Stückchen Wald im Tännig, das ebenfalls an die Wettenburg grenzte.

Weil der "Harle" auf den Goldenen Sonntag geboren war, sah er mehr als andere Menschen, und die Geister verkehrten mit ihm und taten ihm verborgene Schätze kund. Einst lag er in tiefem Schlafe; da wurde er gegen elf Uhr nachts geweckt. Es war ihm, als wenn ihn jemand dreimal an der Nase gezupft hätte. Er setzte sich auf und fragte: "Ist jemand hier?" Da zeigte sich am Fußende seines Bettes ein Geist, der ihm eifrig winkte mitzugehen. "Was will der nur?" dachte der Harle. Er erhob sich vom Bett, kleidete sich rasch an und folgte dem vorauseilenden Geist die Fischergasse hinunter, wo Harles Weitnachen stand. Die Uhr schlug soeben dreiviertel zwölf. Der Geist begab sich in den Nachen, setzte sich an die Spitze und gab Harle ein Zeichen, das Boot abzustoßen. Harle tat alles, was ihm bedeutet wurde. Doch schien es ihm verwunderlich, dass der Nachen mit jedem Ruderschlag schneller fuhr. Und zuletzt kam es ihm vor, als ginge es im Fluge über die Wasserfläche dahin. So fuhren sie weiter bis zur Wettenburg. Dort stieg der Geist aus, winkte dem Harle, bergan zu folgen, und nun ging's bis zur Höhe hinauf. Da befand sich eine Kiste, um die eine Menge Flämmchen züngelten, der Geist öffnete die Truhe und zeigte Harle das viele Geld, Gold und Silber, das darinnen lag. Harle sollte nun die Kiste nehmen und ins Boot hinunter tragen. Aber der Fischer wandte sich unwillig ab und brummte: "Was soll ich mit dem Reichtum?" Damit kehrte er um und stieg wieder den Berg hinab. Vergebens stellte sich ihm der Geist noch einmal in den Weg und zeigte nach der Geldkiste. Harle ließ sich nicht irremachen, sondern fuhr zurück. Und als er wieder bei seiner Fischergasse ankam, schlug die Uhr die zwölfte Stunde. Er war also in einer Viertelstunde einen Weg hin- und hergefahren, zu dem man sonst zwei Stunden brauchte.

Einige Tage darnach arbeitete Harle auf seinem Äckerlein am Fuße der Wettenburg. Da bemerkten einige Feldnachbarn, wie er plötzlich mit jemandem sprach, ohne daß sie einen Menschen bei ihm erblicken konnten. Harle aber wurde im Gespräch immer hitziger und rief wiederholt aus: "Ich will nicht, was tu ich damit?" Da eilten die Nachbarn herzu und fragten: "Ei, Harle, was hast du?" Er antwortete: "Ein Geist lässt mir keine Ruhe; ich soll durchaus den großen Schatz auf der Wettenburg heben, der mir bestimmt sei. Ich will ihn aber nicht." Die Nachbarn sagten: "Ei, so nimm den Schatz und gib ihn uns!" Allein der Harle ließ sich zu nichts herbei. Die Leute konnten nicht verstehen, dass er sich der angebotenen Schätze und damit eines vergnüglichen Lebens enthielt. Deshalb sagt man in Wertheim noch heutzutage zu einem, der gar nichts aus sich zu machen weiß: "Du bist ein rechter Harle!"

Quelle: Spessart-Sagen, Valentin Pfeifer, Aschaffenburg 1948, S. 208f